21 b Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt.
22 Ihr wisst: »Er hat kein Unrecht getan;
nie ist ein unwahres Wort aus seinem Mund gekommen.«
23 Wenn er beleidigt wurde,
gab er es nicht zurück.
Wenn er leiden musste, drohte er nicht mit Vergeltung,
sondern überließ es Gott, ihm zum Recht zu verhelfen.
24 Unsere Sünden hat er ans Kreuz hinaufgetragen,
mit seinem eigenen Leib.
Damit sind wir für die Sünden tot und können nun für das Gute leben.
Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden!
25 Ihr wart wie Schafe, die sich verlaufen haben;
aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
Zitat aus Gute Nachricht Bibel ©2000 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Liebe Gemeinde,
wenn alle Menschen in der Welt so wären wie Jesus, wenn es in der Welt so zugehen würde, wie es über Jesus gesagt wird, das wäre doch gut! Wenn alle so handeln würden, dann gäbe es kein Unrecht. Es würde nicht gelogen, nicht beleidigt. Unrecht würde nicht durch Unrecht vergolten. Es wäre Friede.
Wer fände das nicht gut?
Wir haben eine Sehnsucht nach einer Welt, in der so zugeht.
Also, dann machen wir es jetzt wie Jesus. Und wir sagen es allen anderen Menschen, dass sie es auch so machen sollen.
Dann werden alle liebevoll und freundlich zueinander sein.
Amen.
Oh, das ist dann doch zu wenig, zu einfach. Das ist ihnen zu oberflächlich?
Der alte Pfarrer ist wohl bequem geworden. Der macht es sich jetzt zu einfach.
Nein, das will ich mir jetzt doch nicht nachsagen lassen. Also machen wir es, wie gewohnt, etwas komplizierter. (Obwohl manche Konfirmanden vielleicht jetzt schon gehofft haben…)
Dass es in der Welt nicht so friedlich und liebevoll zugeht, das müssen wir konstatieren. An Aufforderungen, das Gute zu tun, fehlt es nicht. Wir Menschen wollen offensichtlich nicht so friedlich und liebevoll leben. Wir wollen uns behaupten in der Welt. Wir wollen nicht, dass wir zu kurz kommen. Wir wollen nicht ungerecht behandelt werden. Wir wollen nichts erleiden und wehren uns, wenn wir uns schlecht behandelt fühlen. Und ob wir schlecht behandelt werden, entscheiden wir selbst. Und wenn wir etwas für richtig halten, dann sollen die anderen das gefälligst auch so machen.
Und so kämpfen wir im persönlichen Raum um unseren Vorteil.
Unsere Gesellschaft leidet darunter, dass viele Interessengruppen nur an den eigenen Vorteil denken und von der Regierung erwarten, dass sie die eigenen Bedürfnisse umfassend erfüllt.
Und in der großen weiten Welt? Von den großen Konflikten erfahren wir jeden Tag in den Medien. Und viele kleinere Konflikte zwischen Ländern oder in einzelnen Ländern, die schlimmes Unheil anrichten, geraten dabei nicht mal in den Fokus.
Auf der großen Suche nach den persönlichen Vorteilen, nach Reichtum und Macht, nach den besten Futterplätzen und Wasserstellen gedeiht das Unheil.
Menschen benehmen sich wie dumme Schafe, die nicht wissen, was gut für sie ist, die sich verlaufen haben, die verzweifelt irgendwo ihr Glück suchen und die sich gegenseitig das Leben schwer machen.
Immer wieder begegne ich Menschen, die Sätze sagen wie: „Die Menschheit müsste doch gelernt haben“ oder „Ich dachte, wir wären weiter“. Natürlich sind wir weiter! Aus der Keule des Kain wurden ferngesteuerte Präzisionswaffen. Aus dem bösen Geschwätz über andere Mitglieder der Sippe oder des Stammes wurden die asozialen Medien. Aber die Menschen verhalten sich durch alle Zeiten immer wieder gleich.
Eine einfache Aufforderung „lebt anders“, reicht nicht. Diese Aufforderung reicht nicht für den Einzelnen und auch nicht für die Menschheit.
Der Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief appelliert ja auch nicht. Er fordert nicht auf, sich einfach zu verändern.
Er wendet sich an Menschen, die sich auf etwas ganz Neues eingelassen haben. An Menschen, die nicht mehr auf eigene Rechnung in eigener Verantwortung ihr Glück suchen, an Menschen, die das Heil in Jesus Christus angenommen haben und ihn nun als Herrn und Heiland ihres Lebens anerkennen.
Ein reiner Appell, der würde es nicht bringen.
Eindrücklich auf den Punkt gebracht, hat es der badische Erweckungsprediger Aloys Henhöfer, der im vorletzten Jahrhundert lebte. Er war bekannt für seine eindringlichen Predigten. Aber er hatte auch Gegner. Er predigte immer wieder von der Gnade, die Gott uns durch Jesus schenkt. Und er predigte immer wieder darüber, dass die Menschen durch und durch sündhaft sind und dass sie von Gott ganz umgewandelt werden müssen. Manchen Zuhörern passte das gar nicht. Sie verlangten, er solle von etwas anderem reden. Er solle den Leuten sagen, sie dürften nicht lügen, nicht stehlen, nicht ehebrechen. Er solle ihnen sagen, wie man anständig leben soll.
Henhöfer sagte darauf mal in einer Predigt Folgendes: „Schaut in meinem Garten, steht ein Holzbirnbaum. Wenn ich dem alle Tage sagen würde, er solle Bergamottbirnen tragen, dann würde er antworten: Du bist ein dummer Pfarrer! Ich bin doch ein Holzbirnbaum, wie kann ich Bergamottbirnen tragen. Die Zweige müssen abgesägt werden, neue Zweige müssen aufgepfropft werden, sonst kann er niemals edle Frucht tragen. Es wird so viel gepredigt, was recht ist und was nicht. Aber besser wird keiner. Veredelt muss unser Herz werden. Der Heiland muss einziehen, dann kommt alles andere von selbst.“
Der 1. Petrusbrief richtet sich an Menschen, die bekehrt sind zu dem Hirten und Bischof ihrer Seelen, wie es am Ende des Abschnitts heißt.
Heute ist Hirtensonntag.
Immer der 2. Sonntag nach Ostern. Der Wochenspruch lautet: „Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe Ihnen das ewige Leben.“ in der Schriftlesung ging es um Jesus, den guten Hirten.
Im Psalm (23) gings auch darum.
Behütet werden, wollen alle. Ein gedeckter Tisch im Angesicht der Feinde ist auch nicht übel. Dass einer aufpasst, dass uns nichts Schlimmes widerfährt, wer hätte was dagegen.
Der absolute Rekordtaufspruch der letzten Jahrzehnte war „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen.“Behütet werden, das wollen wir alle.
Geleitet werden, das ist schon schwieriger. Einer, der uns leitet, der uns sagt, wo‘s lang geht, der uns reinredet, wenn wir einen Irrweg gehen wollen? Nichts gegen einen guten Tipp, aber dann wollen wir doch selber entscheiden, was wir machen!
Ja, sind wir denn Schafe, die sich verlaufen? Wissen wir denn nicht selber, wo‘s hingeht? Sind wir nicht mündig?
Ein Werbespruch früherer Jahre (keine Ahnung für was) lautete: „Was für mich gut ist, weiß ich selbst am besten.“
Besser kann man den menschlichen Gedanken, selbst bestimmen zu können und zu wollen, kaum ausdrücken.
Wer will denn beaufsichtigt werden? Da hört es dann doch auf.
Nun steht da aber, Christus ist der Hirte und Bischof eurer Seelen. Episcopus steht da. Wörtlich heißt das Aufseher. Ein Aufseher? Einer, der schaut, was wir machen, und es beurteilt. Nee, nee, nee, das lehnen wir ab. Das brauchen wir nicht mehr. Und deshalb geht es uns allen auch so gut. Deshalb ist niemand von uns überfordert, deshalb findet jeder sein Glück und seinen Lebenssinn. Deswegen kriegen wir doch alle Probleme unter die Füße. Ach, wie geht es uns doch gut als moderne Menschen! (Ende der Ironie)
Vom Hirten behütet werden ist schön. Sich von einem Hirten leiten lassen, sich von einem Hirten reinreden zu lassen, das ist modernen Menschen aber fremd!
Wirklich?
Oder täusche ich mich da nicht vielleicht? Wenn der Hirte ein Influenzer ist? Dann sieht es auf einmal anders aus. Dann sind seltsamerweise ganz viele bereit, es diesem tollen Vorbild nachzumachen.
Wie sagte eine 12-Jährige in einem Straßeninterview, warum sie ihr Smartphone braucht? „Damit sie weiß, was sie anziehen soll“, also was die neuesten Trends sind, wie sie sich stylen muss.
Okay, ganz so abhängig sind wir im Durchschnitt nicht und trotzdem, wir Menschen machen anderen sehr viel nach. Wir folgen anderen in ihren Meinungen, plappern nach, was andere verkünden. Wir folgen den Trends.
Und wir hier, speziell wir, die wir heute Morgen hier versammelt sind, was folgt nun für uns aus den Gedanken des Bibeltextes in Anerkennung des Iststandes?
Die 1. Frage, die wir vor uns beantworten müssen, ist die: Bin ich bekehrt zu dem Hirten und Bischof Jesus Christus? Kann ich mit dem Text eines alten christlichen Liedes sagen: „Ich bin entschieden zu folgen Jesus“?
Wenn nicht, dann besteht das Problem, das der Holzbirnbaum hat.
Und wenn nicht? Wenn sie den Hirten und Bischof Jesus Christus als Herrn und Heiland haben? Na ja, dann haben Sie zum Einen gemerkt, dass nichts automatisch geht. Zum anderen aber vielleicht auch, dass auch nicht alles bleibt, wie es war und das das fortwährende Schauen auf Jesus doch etwas verändert.
Dass die Angst, zu kurz zu kommen, kleiner wird, wenn man weiß, dass man durch Jesus Gottes Kind geworden ist.
Dass man nicht getrieben sein muss von dem Wunsch groß rauszukommen, wenn man in der Gegenwart und Zukunft, durch Jesus, mit dem himmlischen Vater versöhnt leben kann. Dass man sich nicht durch Leistung das Beste erarbeiten muss, weil man es aus Gnade geschenkt bekommt.
Weil man das aber immer mal wieder vergessen kann, muss es eben täglich weitergehen, auf ihn zu schauen und sich auf ihn als Vorbild auszurichten. Und seine Leitung durch sein Wort und durch seinen Geist, der uns ins Gewissen redet, anzunehmen.
Und so gilt es immer wieder aufs Neue, zu schauen und zu hören, was der Hirte und Bischof unserer Seelen (und d. h. unseres Lebens) gesagt und getan hat und es in fortlaufendem Scheitern und Gelingen umzusetzen.
Amen.