1. Tess. 5, 1-11 Christus ante portas

Liebe Gemeinde,
im Jahre 212 v. Chr. hallte ein Schreckensruf durch die Stadt Rom: »Hannibal ante portas – Hannibal steht vor den Toren!« Der karthagische Eroberer war mit einem Riesenheer und 37 Kriegselefanten über die Alpen gezogen, hatte den Römern eine der schlimmsten Niederlagen ihrer ganzen Geschichte beigebracht und stand nun vor den Toren Roms. Damit hatte man in der Hauptstadt des mächtigen Reiches nie gerechnet. Hier hatte man bisher in Frieden und ohne Gefahr leben können. Dass einer sogar mit Elefanten kommt, damit konnte man ja nicht rechnen. Nach anfänglicher Lähmung ist es dennoch gelungen, Hannibal zu besiegen und zu verjagen.

„Christus steht vor den Toren“, „Christus kommt“– das ist die Botschaft des Apostels Paulus mehr als 250 Jahre später im Brief an die Thessalonicher. Ist das auch ein Ruf des Schreckens?
„Christus kommt wieder“ das ist kein sonderlicher Gedanke von Paulus. Jesus hat davon gesprochen, dass er wiederkommen wird. Im Glaubensbekenntnis bekennen die Christen: „ Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“
Jesus Christus kommt wieder, zu richten die Lebenden und die Toten. Für die, die davon nichts wissen wollen, die sich darauf nicht einstellen wollen, die ihn missachten und ablehnen, wird sein Kommen zum Verderben sein.
Aber, dass Christus wiederkommt, ist allen, die ihm vertrauen, kein Ruf des Schreckens, sondern der Freude. Diese Nachricht soll uns nicht lähmen, sondern aktivieren.

Aber fragen wir erst noch mal grundsätzlicher: „Jesus kommt wieder“ Was sollen wir davon halten?
Für viele ist der Gedanke sehr fremd. Nicht dass man sich kein Weltende, keine Untergangsszenarien vorstellen könnte, die das Leben auf der Erde ganz oder teilweise zerstören.
Das Ende unserer Erde leuchtet in unserer modernen Zeit immer wieder am Horizont auf. Probleme wie Überbevölkerung, Klimakatastrophe, Umweltzerstörung, Wasserknappheit, Energiekrise, atomare Kriege und weltweiter Hunger stehen uns vor Augen.
Schreckensvorstellungen dieser Art gibt es viele. Immer liegt es dabei an uns, die Gefahren abzuwehren. Und die Überforderung des Einzelnen und der menschlichen Instanzen ist überdeutlich. Trotzdem sind wir aufgerufen, vernünftig und selbstlos gegen diese Gefahren anzukämpfen.
Wenn die Bibel vom Weltende redet, ist die Sachlage ganz anders. Gott führt, nachdem er dem Chaos eine Zeit lang Raum gegeben hat, das Ende herbei. Jesus kommt wieder als Herrscher und Richter. Das Unheil wird beendet. Die Unheilstifter – also wir alle – müssen uns vor ihm verantworten.
Unser Herr kommt – das dürfen wir mit Vertrauen erwarten.
Die Wiederkunft Jesu, ist zwar Bestandteil des Glaubensbekenntnisses und christliche Grundwahrheit, aber nicht sehr häufig Gegenstand kirchlicher Lehre.
Viel Kritik und Spott zieht die Erwartung der Wiederkunft auf sich. Schließlich ist Jesus jetzt schon mal seit bald 2000 Jahren nicht wiedergekommen.
Ungute Spekulationen über den Zeitpunkt hat die Wiederkunft hervorgebracht und Vorwürfe werden erhoben, Christen würden durch die Erwartung des Endes die Gegenwart vergessen.

Erwarten wir ihn eigentlich noch? Ist das in unserem Denken, dass wir ihm begegnen werden? An dem Tag, an dem er kommt, oder an dem Tag, an dem wir vor ihn kommen werden?
Paulus schreibt, es wird kein Unterschied machen, ob wir, dann wenn er kommt, noch leben, oder schon gestorben sind.

Wann das sein wird? Das ist nicht nötig zu wissen, schreibt Paulus. Das kann jederzeit sein. Vielleicht schon jetzt gleich. Er steht vor den Toren. Entscheidend ist, dass ihr darauf eingestellt seid. Denn er kommt unerwartet, wie ein Dieb in der Nacht.
Wir sind es gewohnt, Termine zu machen, jemand zu empfangen, wenn es passt. Und wenn jemand unerwartet kommt, schämen wir uns, weil es nicht aufgeräumt ist.
Jesus wird uns nicht erst nach einem Termin fragen. Er ruft nicht zuerst an und erkundigt sich, ob es uns gerade passt. Er kommt, ob wir ihn erwarten oder nicht. Darum ist es wichtig, dass wir mit ihm rechnen.

Manche haben versucht, den Tag seines Kommens genau vorauszuberechnen. Das ist der fromme Irrtum. Als ob wir herausfinden könnten, was er uns nicht offenbart hat. Andere dagegen leugnen seine Wiederkunft. Das ist der ungläubige Irrtum. Wer ist der Mensch, dass er es wagt, die Wiederkunft des Herrn zu leugnen, wenn es selbst es angekündigt hat?
Für viele wird es aber mehr noch, so sein, wie Manfred Siebald gedichtet hat: „Wir beten laut, Herr komm doch wieder und denken leise jetzt noch nicht.“ Das Lied beginnt mit den Worten: „Wir haben es uns hier gut eingerichtet …“ Er beschreibt, wie wir in unserem Jetzt, mit all dem was unser Leben angenehm macht so aufgehen, dass wir vergessen, dass das alles vergänglich ist, dass wir so an den guten Dingen unseres Lebens hängen, dass wir uns etwas viel Besseres nicht mehr vorstellen können und wollen.
Jesus Christus kommt wieder. Und an seiner Wiederkunft ändert es gar nichts, ob wir es zu berechnen oder zu bestreiten versuchen oder ob wir uns nicht danach sehnen.
Gustav Heinemann, unser früherer Bundespräsident hat einmal gesagt: „Die Herren dieser Welt gehen, aber unser Herr kommt.“
»Christus ante portas – Christus steht vor den Toren.« Diese Nachricht ist Trost und Ermahnung zugleich.

Mit welchen Gefühlen sehen wir der Begegnung mit Jesus entgegen? Müssen wir uns davor fürchten?
Lothar Zenetti hat einen Text geschrieben mit dem Titel: „Nachts geträumt“:
„Nachts kamen sie, die stummen Helfer des Todes
führten mich aus meinem Haus
Nichts konnte ich mitnehmen ins Grab
nicht meine Papiere, keine Bücher, kein Geld
nicht meine Kamera, kein Tonbandgerät, keine Platten
nicht meine Kleider, nicht Wäsche noch Schuhe
keines meiner guten Werke
keinen meiner Fehler, keine Erinnerung
nichts kannst du mitnehmen in das Gericht
du hast nichts in der Hand, wenn es gilt
Der große Richter
flüstert man neben mir
soll Jude sein, ein
junger Mann um die dreißig
Ich weiß
ich kenne ihn
all meine Hoffnung setze ich auf ihn.“

Wenn man den Richter kennt, kann man sich sogar darauf freuen.
Wer ihm vertraut, ihm nachfolgt, ihn zum Herrn hat, für den gilt: Er ist ein Kind des Lichts. Mit ihm steht man nicht mehr im Bereich der Nacht und der Finsternis. Und deshalb hat man nichts zu befürchten. „Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus“, schreibt der Apostel Paulus.
Deshalb wird auch der Tag, an dem der Herr kommt und die Menschen richtet und sein Reich sichtbar aufbaut, für Menschen, die ihm ihr Leben gegeben haben keine Schrecken mit sich bringen.
Durch Christus wird uns zugesprochen:
»Ich habe dich erlöst«, freigekauft. Ich bin »für dich gestorben«. Darum bist du mein, du gehörst zu mir, heute und an jedem Tag. Ich habe dich dazu erwählt, dass du »mit mir leben« sollst. Unsere Wege, die wir an seiner Hand gehen, führen nicht ins Dunkle und Ausweglose. Unser Leben endet nicht in einer Sackgasse oder im Grab. Als Kinder des Lichts dürfen wir auch das Licht der neuen Welt Gottes erwarten. Denn Kinder sind Erben.
Welch eine Hoffnung!
Christen dürfen Hoffnung ausstrahlen und verbreiten in einer Welt, der die Hoffnung so sehr fehlt.
Christus hat uns nicht auf Nimmerwiedersehen verlassen.
Es ist, wie er es in einem Gleichnis erzählt hat: Ein Mann der verreist setzt Diener ein, seinen Besitz zu verwalten, und er wird die belohnen, die er, wenn er zurückkommt, bei der Arbeit findet.
Jesus Christus steht vor den Toren der Welt.
Er kommt, und er wird alles Unrecht beseitigen und alles Leiden, er wird alle Krankheit und den Tod aus der Welt schaffen, er wird alles Leiden und alle Tränen wegnehmen. Darauf können wir hoffen. Und darum dürfen wir beten:
„Komm, Herr Jesus!“
Unser Herr kommt – das soll uns auch zur Liebe anspornen.
Einige in Thessalonich hatten aufgehört zu arbeiten.
Wozu sich noch abmühen, wenn Christus sowieso bald kommt? Warum dann nicht sein Leben nur noch genießen?

Aber Paulus ermahnt sie, jetzt nicht nachlässig zu werden, jetzt nicht die Hände in den Schoß zu legen, jetzt erst recht wachsam und nüchtern zu sein.
In den USA tagte im vorletzten Jahrhundert ein Parlament, während eine Sonnenfinsternis eintrat. Panik brach aus, weil man den Weltuntergang befürchtete.
Da sagte ein Abgeordneter: »Meine Herren, entweder der Herr kommt, dann soll er uns bei der Arbeit antreffen; oder er kommt nicht, dann sollte uns dies auch nicht von der Arbeit abhalten.«
Jesus kommt – jetzt erst recht will der Glaube sich in der Liebe äußern. Jetzt erst recht gilt es, als Christen den Auftrag Jesu in der Welt auszuführen. Da heißt es, nüchtern und wachsam zu sein. Wir sollen nicht in einen Rausch, nicht in eine Betäubung fliehen, auch nicht träge und verschlafen vor uns hin trotten, uns ebenso wenig in Spekulationen und Berechnungen über die Wiederkehr Jesu verlieren. Vielmehr gilt es, jederzeit dafür bereit zu sein, dass er kommt, und solange fleißig seinen Willen zu erfüllen.
Die Hoffnung, die wir haben, ist zum Weitergeben da, nicht zum Verbergen. Wer sonst soll denn Hoffnung verbreiten, wenn nicht die Christen? Gerade Männer und Frauen, die von einer lebendigen Hoffnung bestimmt waren, haben in ihrer Zeit sehr viel bewirkt. C:S. Lewis hat den Satz geäußert: „Aus der Geschichte wissen wir, das gerade diejenigen Christen am meisten für das Diesseits taten, die sich auch am eingehendsten mit dem Jenseits befassten. All die großen Werke der Diakonie sind gegründet von Männern und Frauen des Glaubens, die, von der Liebe Gottes getrieben, diese Dienste begonnen haben. Friedrich von Bodelschwingh in Bethel, Johann-Hinrich Wichern im Rauhen Haus in Hamburg, Gustav Werner in Reutlingen, Theodor Fliedner, und unzählige andere wären zu nennen.
Gerade die, die voll Hoffnung in die Zukunft gesehen haben, haben in ihrer Zeit die Liebe Gottes kraftvoll umsetzen können.

Wenn Glaube, Hoffnung und Liebe miteinander lebendig sind und aktiv werden, dann werden Christen die Gegenwart nicht aus dem Blick verlieren, dann wird sich der Blick aber auch nicht in der Gegenwart verlieren.

Christus steht vor den Toren. Das ist für Christen ein Ruf der Freude! Amen.