L.G.
Mit dieser Schilderung aus der APG tauchen wir in die früheste Zeit der christlichen Geschichte ein.
Fremd?!
Es sind nicht die heutigen kirchlichen Verhältnisse.
Die ersten Kapitel der APG erzählen erstaunliche Dinge:
- ein Herz und eine Seele
- alle stehen zusammen
- alles wird geteilt
- keiner hat Mangel
Nachhaltig war das nicht, man lebte von Verkäufen. Irgendwann war alles aufgebraucht.
Aber selbstlos war es allemal. Und dieses „den anderen dienen“ , alles teilen, alles gemeinsam haben, stand in der Nachfolge dessen, der seinen Jüngern die Füße gewaschen hat.
Hier (Apg. 6) kommt nun ein anderes Element in die Erzählung:
Die Gemeinde wächst. Das ist etwas, was heute in Deutschland viele sich nicht mal mehr erträumen können. Natürlich bringt solches Wachstum Schwierigkeiten mit sich. Aber es sind schöne Schwierigkeiten – wenn Strukturen und Räumlichkeiten dem Ansturm nicht mehr gerecht werden. Die Gemeinde wird auch vielfältiger. Das Miteinander ist so nicht mehr zu organisieren. Aufgrund des Wachstums verlieren die, die sich um die tägliche Lebensmittelausgabe für die Witwen und Waisen kümmern, den Überblick.
Die griechisch sprechenden Juden haben den Eindruck, dass ihre Witwen von den hebräisch sprechenden Juden übergangen werden. War es ein Missverständnis? War es Überforderung? War es gar böse Absicht?
Es wird gemurrt. Unzufriedenheit kommt auf, der Zusammenhalt ist gestört. Es gibt Spannungen. Das wird nicht geschönt und verschwiegen. Dass jemand in der Gemeinde Gottes übersehen wird, das sollte es nicht geben.
Am Anfang waren die zwölf Apostel die natürlichen Leiter der Gemeinde und kümmerten sich um alle Entscheidungen. Diese Struktur passt jetzt nicht mehr. Die Apostel rufen die ganze Gemeinde zusammen, um zusammen nachzudenken. Die Apostel bringen das Problem auf den Punkt: „Sollen wir die Verkündigung des Evangeliums einschränken und die Essensverteilung organisieren?“
Die Vorgegebene, die erwartete Antwort, ist „Nein“.
Heute würden viele sagen: „Klar, ist doch wichtiger.“
Für die Presse ist ein Pfarrer, der eine Hilfsaktion initiiert allemal wichtiger, als einer, der sich Zeit nimmt, seine Predigten vorzubereiten.
Für viele Menschen ist die Tat wichtiger als das Wort. Viele Menschen bewerten den Nutzen der Kirche danach, wie viel Prozent ihrer Einnahmen sie in die Diakonie steckt. Das ist der Grund, in der Kirche zu bleiben.
Auch Kirchenleitungen protzen gern mit ihrer Diakonie. In Broschüren scheint das der Grund zu sein, warum es Kirche geben muss.
Aus der Sicht vieler Menschen könnte man das Geld zur Durchführung von Gottesdiensten einsparen.
Wer auch ohne Gottesdienst und Kirche seine Nächsten liebt und sozial handelt, der macht schon alles richtig.
Abgesehen davon, dass es auch darum geht, Gott zu ehren, ihn besser zu verstehen und sich von ihm beschenken zu lassen, sehe ich bei den meisten, die das behaupten, nicht so viel sozi¬ale Aktivität, dass mich solche Behauptungen überzeugen könnten. Die soziale Kälte, die beklagt wird, ist eine Folge der Abkehr vom christlichen Glauben und den daraus abgeleiteten Werten.
Nächstenliebe ist eben keine natürliche Eigenschaft von Menschen, sondern eine Frucht des Evangeliums. Diakonie ist eine Folge eines durch das Evangelium veränderten Lebens und keine menschliche Grundhaltung.
Übrigens auch Pfarrer sind schnell bereit, die praktische Tat der Verkündigung des Evangeliums überzuordnen. Ist ja auch logisch: Wechsle ich im Gemeindezentrum eine Birne, wird es hell. Halte ich eine Predigt, na ja vielleicht bewirkt es ja was?
Das Handgreifliche ist leichter positiv zu bilanzieren.
Aber jetzt schnell zu zurück nach Jerusalem:
Die Apostel wollen die Verkündigung der guten Nachricht von Jesus nicht zurückstellen, deswegen müssen neue Strukturen geschaffen werden.
Und so übernehmen die griechischen Brüder die Aufgabe selbst und wählen sieben Männer aus ihren Reihen, die die griechischen Witwen versorgen. Dabei werden sie per Handauflegung offiziell unter Gottes Segen für diese Aufgabe eingesetzt.
Wenn eine Gemeinde allen ihren Aufgaben gerecht werden will, braucht’s einfach genügend Leute, damit keiner zu kurz kommt.
Wenn wir genauer hinschauen, können wir erkennen, dass es bei dem Konflikt nicht nur um die Frage der gerechten Verteilung von Lebensmitteln ging:
Die gewählten Diakone haben alle griechische Namen. Hätte man nicht bei der Wahl auf Parität achten müssen? Philippus und Stephanus, von denen in der Folge noch mehr erzählt wird, finden wir beileibe nicht nur beim Verteilen der Hilfsgüter. Sie sind in der theologischen Debatte und in der Mission aktiv.
Wir wissen, dass damals neben den aus Israel stammenden Juden auch viele zum Judentum übergetretene frühere Heiden in den jüdischen Gemeinden lebten. Viele waren auch nach Israel eingewandert. Sie teilten zwar den Glauben, waren aber kulturell doch von den echten Israeliten unterschieden. Gerade aus dieser Gruppe der Juden wurden sehr viele Christen.
So brauchte diese stark wachsende und aus sehr verschiedenen Gruppen von Menschen bestehende Christengemeinde neue Strukturen. Auch die fähigen Menschen aus der anderen kulturellen Gruppe mussten eingebunden werden in Gottes Werk.
Nur so blieben auch die Wachstumschancen gewahrt.
Mit Vernunft und Gottvertrauen schafft man also neue Strukturen, um nicht Stillstand zu verursachen. Man hat keine Angst, durch die Veränderung einen Schaden herbeizuführen. Das ist ja heute oft der Grund, in der Kirche alles zu lassen, wie es ist.
Hier war klar: Die Ziele: Menschen für Christus gewinnen, christliches Leben gestalten, Wachstum der Gemeinde an Quantität und Qualität dürfen nicht verloren gehen.
Die gefundene Lösung ist wegweisend für alle Weiterentwicklung in Gemeinden. Es werden mehr Menschen in die Verantwortung gestellt.
Hätte man damals alle Verantwortung bei den Aposteln gelassen, hätte man damit Wachstums- und Entwicklungsgrenzen geschaffen. Es hätte auch nicht der Vorstellung Gottes von einer Gemeinde entsprochen. Jedenfalls nicht dem Bild, das im NT gezeichnet wird.
Da wird das Bild des Körpers gebraucht, in dem alle Glieder eine Funktion haben und zusammenwirken.
Zu dem Zeitpunkt stellten sich andere Aufgaben, die andere Lösungen erforderten. Durch die Zeit haben sich immer wieder Verhältnisse geändert. Wir können aufgrund dieser Beobachtungen fragen: Welche Herausforderungen stellen sich heute?
Klaus Eickhoff, ein Pfarrer, der sich mit Fragen der Gemein-deentwicklung beschäftigt hat, hat scharf formuliert: „Schafft das entartete Pfarramt ab! Wir haben Besseres an seine Stelle zu setzen. Was ist das Bessere? Macht die Gemeinde mündig!“ Gemeinde soll durch das Mitmachen vieler funktionieren, nicht durch die Qualität eines Experten.
Im Folgenden schlägt er vor, Mitarbeiter zu schulen, für sehr viele Aufgaben, die bisher Pfarrersache waren. Dadurch sollen neue Kräfte freigesetzt werden.
Als er diese Zeilen geschrieben hat, hat er sich wahrscheinlich nicht vorstellen können, dass eine Zeit kommt, in der sich das Pfarramt mangels Pfarrpersonen selbst abschafft, in der aufgrund von fehlender oder schlechter Jugendarbeit in der zurückliegenden Zeit kein ausreichender Nachwuchs an Pfarrerinnen und Pfarrern mehr da sein wird.
Schaut man in einen wesentlich weniger anstößigen Text, als den von Eickhoff, nämlich in unsere Kirchenverfassung [Pfalz], dann liest man:
„Die Kirchengemeinden haben die Berufung durch Wort und Sakrament eine Pflanzstätte des evangelischen Glaubens und Lebens zu sein.“
Und weiter: „Die Gemeindeglieder sollen Verantwortung für die Kirchengemeinde tragen und zur Mitarbeit und zum Opfer bereit sein.“
Das folgt aus dem Gedanken des Leibes mit den vielen Gliedern.
Wir kommen aus der Tradition, dass die Pfarrer die Kirchengemeinde darstellten und nahezu alleinige Funktionsträger in der Kirche waren. Ob das mal gut war, lasse ich offen. Dass es heute höchst unzeitgemäß ist, steht außer Frage.
Viele Pfarrer – ich rede jetzt mal über Pfarrer, aber es geht, damit verbunden auch um sie, die sie in der Gemeinde die Arbeit der Pfarrer genießen können oder ertragen müssen. – Also viele Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten mit großem Fleiß. Einige arbeiten sich kaputt. Paradox daran ist: Es ist ein Dienen, das ein heimliches Herrschen ist. Ein Herrschen, das sich mit der Maske des Dienens tarnt. Dieses Dienen ist etwa so, als würde eine Mutter sagen. Du brauchst nie laufen zu lernen. Ich laufe ein Leben lang für dich. Und sie läuft und läuft. So liegt das Kind ein Leben lang mit unentwickelten Beinen im Bett. Das Dienen der wohl meinenden Mutter ist ein schreckliches Beherrschen des Kindes. Das Kind kann sich nicht entwickeln.
Wir haben dieses alte und falsche Gemeindebild schon ein ganzes Stück weit überwunden. Aber auf diesem Weg gilt es weiter zu gehen.
Ein Theologe hat festgestellt: „Das NT kennt nur aktive Gemein¬deglieder. Das moderne Gemeindebild einer passiven Masse, um die einzelnen Amtsträger bemüht sind, ist tief unbiblisch und widerspricht dem Wesen einer Gemeinde Jesu.“
Ich möchte dem allerdings hinzufügen, dass, wenn jemand nur Anteil nimmt an der Gemeinde, und im Stillen dahintersteht und dafür betet, dann ist er sehr wohl auch aktiv.
Ich habe für die Rolle von Pfarrerinnen und Pfarrern in Gemeinden zwei Vergleiche gefunden, die unterschiedliche Modelle beschreiben:
Da ist der Bergführer, der eine Expedition führt: Die Expedition verlangt den Teilnehmern viel ab. Führer und Geführte müssen sich gegenseitig helfen. Die Sachkenntnis des Führers ist unbedingt erforderlich. Er muss manches anweisen: Er muss sagen, was man mitnehmen muss oder eben nicht mitnehmen darf. Er wird deutlich machen, dass die Sache nur gelingen kann, wenn man sich gegenseitig hilft.
Jeder muss seine Kraft einsetzen, wenn man Erfolg haben muss.
Zum anderen ist da der Reiseführer bei einer Städtetour.
Auch er ist kundig. Er versprüht gute Laune und nimmt die Touristen unter seine Fittiche. Er kennt die Stadt und die Geschichte und die Restaurants und die besonderen Geschäfte. Seine Aufgabe ist es, alle Bedürfnisse der Touristen zu erkennen und zu befriedigen. Am besten, bevor jemand überhaupt äußern kann, was er möchte. Von ihm erwartet man, dass er den Touristen den Aufenthalt so schön wie möglich macht. Er ist ein rundum netter Typ. Bei ihm kann man sich wohlfühlen.
Welchen Reiseführer man braucht, hängt von der Art der Reise ab; von ihrem Zweck und Ziel.
Leicht zu erkennen, der der Weg einer Christengemeinde eher der Expedition entspricht als einer Stadtführung.
Der Bergführer kann den Weg nur zeigen, gehen müssen ihn alle gemeinsam. Dabei werden sie ihre Möglichkeiten kennenlernen und eine erfüllende Erfahrung machen.
Das touristische Genießen kann schön sein, aber es ist nicht so existenziell bedeutsam.
Der brasilianische Erzbischof Dom Helder Camara hat berichtet: Ich komme in ein Dorf und sage den Leuten:
“ Morgen komme ich wieder, und bis dahin habe ich eine Aufgabe für euch. Ich will, dass ihr euch bis morgen überlegt habt, was die größten Probleme hier in eurer Gegend sind.“ Darauf kommt dann etwa folgende Antwort: Ach Dom Helder, das wissen sie doch viel besser, sie sind doch viel klüger als wir. Wir würden den Karren doch nur fest fahren, wenn wir selbst etwas versuchen würden.
Worauf ich antworte – so schreibt er -, wenn ich es euch einfach selber sagen würde, wäre ich nicht euer Freund. Ich will euch zeigen, dass ihr auch ein Hirn habt, und ich will, dass ihr es benutzt, um selber eure Situation zu durchdenken. Also seid so gut und berichtet mir, was euer Problem Nr. 1, Nr. 2 und Nr. 3 ist. Und wenn ihr mit der Liste fertig seid, möchte ich, dass ihr noch etwas anderes tut: Überlegt euch, was ihr selber machen könnt, um eure Situation zu verbessern. Wenn ihr Werkzeuge braucht, kann ich euch natürlich helfen.
Als ich am nächsten Tag wiederkam, hatten sie es herausgefunden, das Problem Nr. 1, Nr. 2 Nr. 3. Sie sagten: Wir sind leider nur so weit gekommen, wenn wir mehr Leute wären, könnten wir wirklich etwas auf die Beine stellen.
„Wir werden, mit Gottes Hilfe, etwas auf die Beine stellen, wenn viele mit ihren Möglichkeiten dort anpacken, wo sie es können.“
Immer wieder stellt sich die Frage: Welche Bedürfnisse anderer werden heute übersehen?
Was könnten wir als Gemeinde eigentlich für Menschen tun, die in einer Notlage sind? Einer materiellen, einer sozialen oder einer geistlichen? Keiner soll zu kurz kommen.
Unsere Zeit und unsere kirchliche Situation erfordert für die Entwicklung unserer Gemeinde das Mitmachen und Mitdenken vieler.
Wenn wir dazu neue Strukturen brauchen, müssen wir sie schaffen, so wie damals.
Und wenn es in den bestehenden Verhältnissen möglich ist, dann umso besser, dann müssen wir es einfach nur gemeinsam tun.
Und wo wir es tun, werden wir erleben, dass wir Freude bereiten und selbst geschenkt bekommen und möglicherweise auch, dass die Gemeinde wächst.
Amen.