Im Mittelpunkt der Mensch
L.G.
Im Mittelpunkt der Mensch, das war vor Jahren mal ein Werbespruch. Das muss ja auch betont werden, es könnte ja auch im Mittelpunkt der Gewinn stehen, oder eine Ideologie oder sonst was.
Im Mittelpunkt dieser Schöpfungsgeschichte steht der Mensch, ganz eindeutig. Alles wird um ihn herum angeordnet. Er ist die zentrale Figur.
Die Welt schon da, aber sie ist noch unbewohnbar, Wüste. Dann wird das alles angefeuchtet. Dann wird der Mensch geformt und belebt. Und dann wird ein Lebensraum geschaffen für ihn. Die Pflanzen werden geschaffen, damit er eben kann.
In den Lebensraum wird er hineingestellt und wird beauftragt, Gestalter und Pfleger zu sein. Die Tiere werden zum Menschen gebracht, ein Gegenüber wird ihm geschaffen, weil es nicht gut ist, dass er allein ist.
Im Mittelpunkt der Mensch. Das ist die Erschaffung des Menschen, das sind die Zusammenhänge.
Bei diesen Aussagen geht es jetzt manch einem, wie Schiller es formuliert hat: „Da wendet sich der Gast mit Grausen“. Was für eine verschrobene Geschichte, hinter aller wissenschaftlichen Realität zurück, typisch Kirche eben. Was für Vorstellungen, die haben ja wohl nichts mitgekriegt“, mag einer denken. „Na ja, die in der Kirche sind eben weltfremd und dumm.“
Man kann ja über diesen Text nicht predigen, ohne wenigstens die Frage zu streifen: „Wie ist das mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und diesen Schöpfungsgeschichten?“
Ich habe hier schon ausführlicher darüber gesprochen, deshalb heute nur kurz:
1. Wer von der Entwicklung des Lebens i.S. der Evolutionstheorie ausgeht, ohne darin den Eingriff einer schöpferischen Intelligenz anzunehmen, der braucht einen sehr großen Glauben, denn er muss sehr viele Wahrscheinlichkeits-rechnungen außer Acht lassen.
2. Deutlich ist, dass diese Geschichte Wahrheiten über den Menschen aussagt, die die Frage des wie der Entstehung nicht wirklich berühren.
Hier werden Aussagen gemacht, die unabhängig von allen wissenschaftlichen Erkenntnissen ihr Gewicht haben, und die davon auch nicht infrage gestellt werden und umgekehrt auch nicht infrage stellen.
Da werden Aussagen gemacht, die wissenschaftlichen Erklärungen nicht widersprechen können, weil sie auf einer anderen Ebene liegen. Umgekehrt kann auch die Wissenschaft diesen Aussagen nicht widersprechen, weil sie keine Aussagen machen kann, über den Sinn menschlichen Daseins.
Und – das möchte ich mal so behaupten, was hier über den Menschen ausgesagt wird, ist bedeutsamer, wichtiger als ein lückenloser Herkunftsnachweis bis zurück zum Einzeller.
Zu wissen wie, ist sicher wichtig. Zu wissen warum, ist meine ich, wichtiger.
Aber, wie gesagt, ich halte diesen Teil, der sich mit Schöpfungsgeschichte und Evolutionstheorie beschäftigt heute kurz, stehe aber für längere Diskussionen gern zur Verfügung.
Ich möchte mich den Inhalten des Textes anders nähern:
Was ist der Mensch? Was soll das, dass wir auf dieser Erde leben? Welche Rolle sollen wir spielen?
Oder weniger abstrakt: Was soll ich von mir halten, welche Rolle ist mir zugedacht und von wem? Wer kann mir meine Rolle geben?
Wer ins Kino geht, der erkundigt sich vorher: Was wird gezeigt? Wer hat die Hauptrolle? Wer führt Regie?
Wenn ich recht sehe, gibt es wenige Menschen, die sich bewusst die Frage stellen, was wird eigentlich in meinem Leben gespielt? Was ist meine Rolle? Wer führt Regie?
Aber kann ich denn die Bühne meines Lebens betreten, ohne mir die Frage vorzulegen: Was habe ich nun eigentlich zu spielen? Oder will ich einfach blindlings losschwätzen und es darauf ankommen lassen, was mir die Souffleuse des Augenblicks von Fall zu Fall vorsagt. Oder will ich mein Drehbuch um jeden Preis selber schreiben? Auch wenn ich weiß, dass dies meine Möglichkeiten übersteigt, wenn ich weiß, dass das „Dichten und Trachten des Menschen erbärmlich ist“, dass das Drehbuch möglicherweise schlecht wird.
Oder dass es sogar schlecht wird, weil meine Absichten nicht gut sind? In der Bibel heißt es ja: „Das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf.“ Also möglicherweise wird die Rolle nichts, nicht nur, weil man es nicht fertigbringt, sondern auch, weil man gar keine gute Rolle spielen will.
Wenn wir das Drehbuch selbst erfinden wollen, dann kann es leicht passieren, dass wir, wenn der letzte Vorhang fällt, abtreten mit dem Gefühl, dass alles verfehlt war. Vielleicht haben wir dann Comedy gespielt, wo andere Menschen ein ernsthaftes Stück sehen wollten? Vielleicht haben wir viel dahingeschwätzt, Spaß getrieben, zänkische Dialoge geführt, Liebesszenen gespielt, dramatische Auftritte inszeniert, aber das Stück hatte keinen Zusammenhang und keine Linie und keinen Stil. Vielleicht gab es Szenenapplaus, aber am Schluss konnte niemand was damit anfangen.
In der Schöpfungsgeschichte wird uns Menschen die Handlungsskizze zu der Rolle gegeben, die wir spielen sollen.
Denn wenn wir uns fragen, was der Mensch ist und was er soll, – oder wieder besser gesagt, was ich bin, was ich soll – dann müssen wir uns in Beziehung setzen zu Orientierungsgrößen außerhalb von uns selbst.
Wir können z. B. fragen, in welchen Verhältnis wir zu unserem Ursprung stehen.
Die gängige Antwort ist. Unser Ursprung liegt im Tierreich, daraus folgt dann, wir sind höhere Tiere. Das heißt dann auch: Es gelten die natürlichen Gesetze: Fressen und gefressen werden. Der Stärkere setzt sich durch. Die Rolle des Menschen ist es dann, gemäß diesen Regeln dafür zu kämpfen, dass er die stärkeren Gene, und dafür hält man in der Regel die eigenen, weitergibt.
Eine andere Verhältnisbestimmung ist die zu unseren Aufgaben. „Der Mensch ist, was er leistet.“ Der Sinn des Lebens ist demnach möglichst viel zu vollbringen. Der Sinn menschlicher Existenz steht und fällt dann mit seinem Leistungsvermögen.
Leben das nichts leistet, wäre nach dieser Grundbestimmung nichts wert.
In der Schöpfungsgeschichte wird, das Verhältnis des Menschen zu einer anderen Größe in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt.
Es geht hier um das Verhältnis des Menschen zu Gott. Gott ist der Ausgangspunkt des Menschen, sein Urheber, der, die Idee hatte, der der ihn erschaffen und beauftragt hat.
In Form einer Geschichte wird hier beschrieben, was der Mensch, was jeder Mensch ist – was er ist, und was er soll.
Der Mensch ist von der Erde genommen und damit unlösbar mit ihr verbunden. Der Mensch, hebr. „Adam“, ist von der Erde, dem Ackerboden, hebr. „adama“ genommen. Der Mensch ist ein Erdmann. Er kann sich nicht von der Erde lösen. Wenn der Mensch der Erde schadet, kann er selbst nicht ohne Schaden bleiben. Vielleicht können einige diesen Schaden eine Zeit lang auf andere abwälzen, aber sie können diesem Schaden wohl nicht entgehen.
Er ist Erde und wird wieder zu Erde. Rein stofflich ist das unbestreitbar. Mit dieser Erde ist der Mensch zutiefst verbunden, von ihr lebt er und sie gestaltet er.
Gott formt aus Erde den Menschen. Und so bildlich wie der Text redet, führe ich es weiter: Er beugt sich herunter und macht Mund-zu Mund Beatmung. Oder auf Englisch gesagt, er gibt ihm den „Kiss of Live“, den Kuss des Lebens. Durch Gottes Atem wird der Erdenkloß zum lebendigen Wesen.
Der ganz irdische Mensch ist damit von Gott belebt, herausgeholt aus dem nur Stofflichen. Für dieses Wesen ist diese Welt gemacht, alles ist für ihn angelegt. Dieses Wesen ist das Gegenüber Gottes. Mit diesem Wesen geht Gott ein Risiko ein. Dieses Wesen kann seine Rolle als Gegenüber Gottes ablehnen.
Ein Tier verfehlt seine Bestimmung nicht. Aus einem Hundeembryo wird ein Hund. Ein Menschenembryo kann zu einem Menschen oder zu einem Unmenschen werden.
Dem Tier ist keine Verantwortung übertragen. Es wird tun, was Trieb und Instinkt veranlassen. Dem Menschen ist Verantwortung übertragen. Er soll seinen Lebensraum bebauen und bewahren.
Nun werden die meisten wissen, wie der Fortgang der Geschichte ist. Und selbst wer die Geschichte nicht kennt, der kann in der Welt sehen, wie die Verhältnisse sind. Und er kann daraus schließen, dass die Geschichte wohl Wahrheit enthält.
Der Mensch steht nicht in der Verbindung zu Gott, von dem er Leben und Auftrag hat. Er steht dem Lebensraum nicht gegenüber als einer, der bebaut und bewahrt. Der Mensch nutzt diesen Lebensraum egoistisch und kurzsichtig für sich.
Und dieser Lebensraum ist nicht mehr das Paradies. Da wachsen Dornen und Disteln, da ist Feindschaft zwischen den Menschen, da wird getötet und gestorben. Und da ist Feindschaft zwischen Mensch und Natur. Sie machen sich beide das Leben schwer.
Der Mensch hat seine Rolle verlassen und arbeitet nicht im Auftrag Gottes in der Welt, sondern auf eigene Rechnung in der Welt für sich. In einer nunmehr feindlichen Welt.
In einer nachparadiesischen Welt kann alles Bebauen und Bewahren nur noch Reparaturbetrieb sein. Man kann nur noch versuchen, es bestmöglich zu machen, wirklich gut kann es nicht sein.
Aber so wie Gott seine Menschen ja nicht einfach aufgegeben hat, und sich ihnen immer wieder zuwandte und zuwendet, so hat er dem Menschen ja auch seine Verantwortung nicht genommen. Immer noch ist der Mensch, das hervorgehobene Wesen, welches Gott als Gegenüber haben möchte. Immer noch möchte er, dass wir Verantwortung für unsere Welt übernehmen. Immer noch möchte er, dass wir in der Welt nicht egoistisch handeln, dass wir weder unser Wohl, noch das einer Gruppe, der wir angehören, höher stellen als das Wohl anderer.
Wie gesagt, unser „Bebauen und Bewahren“ geschieht nicht mehr in einer heilen Welt. Es ist ein Reparaturbetrieb, wo man die Folgen seines Tuns nicht immer absehen kann.
Bebauen und bewahren heißt dann aber mindestens, dass man das unterlässt, bei dem man absehen kann, dass die Folgen schlimm sind. Und dass man das unternimmt, was dem Leben auf der Erde zugutekommt.
Unser Wissen um Umweltzusammenhänge ist in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen. Es gibt zwar immer noch vieles, was wir nicht wissen. Und manches ist zwischen Experten und Parteien umstritten. Aber wir wissen auch viele Dinge, mit denen wir etwas für oder gegen die Erhaltung der Schöpfung tun können.
Vieles tun wir aber nicht, weil wir uns sagen, dass der Einzelne ja doch nichts tun kann, oder weil wir zu bequem sind. So wird weiterhin Energie verschwendet, unnötiger Müll gemacht, weggeworfen statt wiederbenutzt, gekauft, was man eigentlich nicht braucht usw.
Aus dem, was wir wissen, müssen Handlungen werden.
Wir sollen bebauen und bewahren. Es ist Gottes erster Auftrag an den Menschen, den Lebensraum Schöpfung zu bebauen und zu bewahren. Es ist nicht das Hobby ökologisch denkender Menschen. Es ist ein Auftrag Gottes, den er uns zutraut und zumutet.
Als der Erde verbundene Menschen wird es zu unserem Besten sein, wenn wir danach handeln.
Amen.
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