Gen 3, 1-24 Die Welt verstehen

(Empfehlung: Als Schriftlesung Gen. 2, 4b-25 lesen.)

L.G.,
die Welt verstehen, das wäre was.
Nicht nur das Wie verstehen (dazu helfen uns die Naturwissenschaften!), sondern auch das Warum.
Warum gibt es die Welt? Was steht dahinter? Warum ist das Leben so wunderbar und warum gibt es doch so viel Elend in der Welt?

Die Frage ist zu groß?!
Na gut. Fragen wir kleiner:
Wenn wir die Menschen verstehen könnten, verstehen könnten, warum sie so handeln, wie sie handeln, das wäre auch nicht schlecht.
Das menschliche Verhalten wird ja auch erforscht.
Und viele Appelle an die Menschen gibt es: Sie sollen ein bisschen netter sein. Und Schuldzuweisungen unter Menschen gibt es viele: Die anderen sollten, müssten, die sind schuld.
Greta Thunberg hat gefragt: How dare you? Wie könnt ihr nur? Natürlich hat sie gefragt: „Wie könnt ihr?“ Schuld sind immer die anderen. Wie können die so grausam sein, so rassistisch, so egoistisch, so gleichgültig, was auch immer.

Woody Allen hat eine andere Frage gestellt. Nicht, wie kann all das Böse in der Welt passieren, sondern, wieso passiert nicht noch mehr?
Warum sind Menschen so?
Die Menschen verstehen – ist das immer noch zu groß?!
Dann formulieren wir die Frage doch noch etwas kleiner: Das eigene Handeln verstehen – warum man nicht immer so ist, wie man eigentlich sein will, das wäre auch schon was.
Und noch besser wäre es, es dann ändern zu können.
Aber irgendwie klappt das ja oft nicht so.
Sie und ich, wir würden gern in Einklang mit der Natur leben.
Wir würden gern nicht mehr verbrauchen, als nachwächst,
keine Lebensräume zerstören.
Aber wo immer Menschen hinkommen, geschieht es eben doch.
Es wäre schön, kein intaktes Ökosystem zu stören, aber es geht nicht.
Wir machen Versuche, etwas zu verbessern, und entdecken später neue Schäden, die wir angerichtet haben.
Unsere Bemühungen gelingen immer wieder, aber immer auch wieder nicht. Und insgesamt allenfalls teilweise.
Sie und ich, wir würden gern erfüllende sinnvolle Arbeit leisten, und dabei nicht ermüden.
Wir würden gerne erleben, dass unsere Arbeit nicht umsonst ist, dass sie gelingt, dass sie in keiner Weise schadet.
Sie und ich, wir würden gern erfüllende harmonische Partnerschaft leben, ohne Egoismus und Tauziehen, ohne Angst etwas zu verlieren.
Eine Beziehung, in der man keine Angst empfindet, etwas zu verlieren, wenn man sich nicht behauptet.
In der man ganz ohne Masken sein kann.
Und das gelingt uns immer wieder aber immer auch wieder nicht.
Und insgesamt allenfalls teilweise.
Sie und ich, wir würden gern Geborgenheit in der Nähe Gottes spüren.
Immer wieder einen wohltuenden Plausch mit ihm haben.
Wir würden gern keinerlei schlechtes Gewissen haben müssen, weil es nie etwas gibt, was man zu bereuen hätte.
Wir wünschen uns einfach harmonische Nähe in Liebe und Dankbarkeit.
Wir wünschen uns, keine Sorge zu haben, weil wir in seiner Nähe sind und durch seine Macht, alles gut ist.
Bei ihm hätten wir keine Angst. Wovor auch? Es gebe ja keinen Mangel.
Das erleben wir immer wieder aber immer auch wieder nicht. Und insgesamt allenfalls teilweise.
Warum es in Ansätzen möglich ist, dazu nachher mehr.

Und all das, was wir uns wünschen, wie lange soll das dauern? Natürlich für immer.
Aber auch wenn es mal gelingt, es bleibt nicht.
Bei der Partnerschaft heißt es: „bis, dass der Tod euch scheidet“.
Das Ende ist schon mit einprogrammiert.
Also paradiesisch ist ihr und mein Leben in dieser Welt nicht.
Menschliches Leben ist nicht so und war nicht so.
Aber wir haben Sehnsucht danach.
Warum ist das alles so?
Vieles von dem Beschriebenen kommt uns natürlich vor, weil wir es nicht anders kennen.
Aber ist es auch gut so?
Ist es gut, dass es Krankheit und Tod gibt?
Ist es gut, dass es Gegeneinander und Kampf gibt?
Das Einzelne, Gruppen und Völker gegeneinander kämpfen,
soll das so sein?
Ganz schön schwierig die Sache mit der heilen Welt.
Diese Fragen, die sind sicher schon zu allen Zeiten ähnlich gestellt worden.
Ein Mensch, der erfahren hat, es gibt einen Gott, der hilft, so wie er in der Vergangenheit geholfen hat, hat eine Geschichte aufgeschrieben. Da sind die Erfahrungen, die sein Volk mit Gott und die er in seinem persönlichen Leben gemacht hat, mit eingeflossen.
Er hat gesehen, dass die Welt eigentlich gut gemacht und gut geordnet ist, und er hat gesehen, was schiefläuft.
Und Gott hat ihm eine Erkenntnis geschenkt über diese Welt, eine Erkenntnis, die uns hilft, die Rätsel zu verstehen. Und diese Erkenntnis, die hat er in einer Geschichte aufgeschrieben, eine Geschichte darüber, warum es so ist, wie es ist.

Gen 3, 1-24 1 Die Schlange war das klügste von allen Tieren des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte. Sie fragte die Frau: »Hat Gott wirklich gesagt: ‚Ihr dürft die Früchte von den Bäumen im Garten nicht essen‘?«
2 »Natürlich dürfen wir sie essen«, erwiderte die Frau,
3 »nur nicht die Früchte von dem Baum in der Mitte des Gartens. Gott hat gesagt: ‚Eßt nicht davon, berührt sie nicht, sonst müßt ihr sterben!’«
4 »Nein, nein«, sagte die Schlange, »ihr werdet bestimmt nicht sterben!
5 Aber Gott weiß: Sobald ihr davon eßt, werden euch die Augen aufgehen, und ihr werdet alles wissen, genau wie Gott. Dann werdet ihr euer Leben selbst in die Hand nehmen können.«
6 Die Frau sah den Baum an: Seine Früchte mußten köstlich schmecken, sie anzusehen war eine Augenweide, und es war verlockend, daß man davon klug werden sollte! Sie nahm von den Früchten und aß. Dann gab sie auch ihrem Mann davon, und er aß ebenso.
7 Da gingen den beiden die Augen auf, und sie merkten, daß sie nackt waren. Deshalb flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze.
8 Am Abend, als es kühler wurde, hörten sie, wie Gott, der HERR, durch den Garten ging. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Gott zwischen den Bäumen.
9 Aber Gott rief nach dem Menschen: »Wo bist du?«
10 Der antwortete: »Ich hörte dich kommen und bekam Angst, weil ich nackt bin. Da habe ich mich versteckt!«
11 »Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist?« fragte Gott. »Hast du etwa von den verbotenen Früchten gegessen?«
12 Der Mensch erwiderte: »Die Frau, die du mir an die Seite gestellt hast, gab mir davon; da habe ich gegessen.«
13 Gott, der HERR, sagte zur Frau: »Was hast du da getan?«
Sie antwortete: »Die Schlange ist schuld, sie hat mich zum Essen verführt!«
14 Da sagte Gott, der HERR, zu der Schlange:
»Verflucht sollst du sein wegen dieser Tat!
Auf dem Bauch wirst du kriechen
und Staub fressen dein Leben lang –
du allein von allen Tieren.
15 Und Feindschaft soll herrschen
zwischen dir und der Frau,
zwischen deinen Nachkommen und den ihren.
Sie werden euch den Kopf zertreten,
und ihr werdet sie in die Ferse beißen.«
16 Zur Frau aber sagte Gott:
»Ich verhänge über dich,
daß du Mühsal und Beschwerden hast,
jedesmal wenn du schwanger bist;
und unter Schmerzen bringst du Kinder zur Welt.
Es wird dich zu deinem Mann hinziehen,
aber er wird über dich herrschen.«
17 Und zum Mann sagte Gott: »Weil du auf deine Frau gehört und mein Verbot übertreten hast, gilt von nun an:
Deinetwegen ist der Acker verflucht.
Mit Mühsal wirst du dich davon ernähren,
dein Leben lang.
18 Dornen und Disteln werden dort wachsen,
und du wirst die Pflanzen des Feldes essen.
19 Viel Schweiß mußt du vergießen,
um dein tägliches Brot zu bekommen,
bis du zurückkehrst zur Erde,
von der du genommen bist.
Ja, Staub bist du,
und zu Staub mußt du wieder werden!«
20 Der Mensch nannte seine Frau Eva, denn sie sollte die Mutter aller Menschen werden.
21 Und Gott, der HERR, machte für den Menschen und seine Frau Kleider aus Fellen.
22 Dann sagte Gott: »Nun ist der Mensch wie einer von uns geworden, und alles Wissen steht ihm offen. Es darf nicht sein, daß er auch noch vom Baum des Lebens ißt. Sonst wird er ewig leben!«
23 Und er schickte den Menschen aus dem Garten Eden weg, damit er den Ackerboden bearbeite, aus dem er gemacht war.
24 So trieb Gott, der HERR, die Menschen hinaus und stellte östlich von Eden die Keruben und das flammende Schwert als Wächter auf. Niemand sollte zum Baum des Lebens gelangen können.

Zitat aus Gute Nachricht Bibel ©2000 Deutsche Bibelgesellschaft,  Stuttgart

Es ist eine Geschichte, die wir erschließen können und die uns unser Dasein in dieser Welt erklärt.
Es geht um die bittere Wahrheit: Die Welt ist kaputt durch uns Menschen.
Wir sind schuldig, weil wir gegen Gottes Gebot handeln. Das Unheil, das wir in der Welt erleben, haben wir angerichtet. Jeder hat seine mehr oder weniger große Facette dazu beigetragen.
Wir haben die Grenze, die Gott gesetzt hat, übertreten und sind maßlos geworden.
Wir misstrauen Gott und suchen nicht bei ihm unser Glück, sondern wo auch immer sonst wo.
Wir haben das Paradies zerstört und können nicht mehr zurück.
Ja wir! Adam ist kein Name, Eva auch nicht. Adam heißt Mensch und Eva heißt Mutter alles Lebendigen.
Wir, die wir heute hier sind, haben keine verbotene Frucht im Garten Eden gegessen, aber wir verhalten uns doch genauso.

Es ist eine Geschichte, an der wir scheitern können, weil wir den bitteren Wahrheiten ausweichen.
Die Auslegung dieser Geschichte ist eine Geschichte von Ablenkungsmanövern.
Immer neue Fragen und Einwände werden formuliert, um vom Kern abzulenken.

  • Wo kommt das Böse her?
  • Sollte Gott eine Schlange geschaffen haben, die auf Beinen läuft und spricht?
  • Ein Adam aus Lehm, dem Gott Leben einhaucht und eine Eva aus der Rippe – was für ein Unsinn!
  • Ist Gott nicht selbst schuld, warum pflanzt er den Baum denn da hin? Sonst hätte es ja keine Möglichkeit zur Sünde gegeben.
  • Musste der Mensch nicht davon essen, um Gut und böse unterscheiden zu lernen? Wurde er nicht genau dadurch Mensch? Ist er nicht dazu erst zum Ebenbild, zum Gegenüber Gottes geworden? War das nicht ein Schritt zur Menschwerdung.
  • Die Schlange hatte doch recht: Sie sind ja nicht gestorben.
  • Ist es nicht gut zu wissen, was gut und böse ist?


Ich könnte es fortsetzen.
Auf ein paar Fragen und Einwände möchte ich eingehen:
Wo kommt das Böse her?
Daran ist der Erzähler offensichtlich nicht interessiert.
Die Schlange wird ein Geschöpf genannt, aber sie ist keines, welches natürlich ist. Es gibt keine Erklärung.
Sie steht gegen Gott, ist aber kein gleichwertiges Wesen.
Das ist aber egal: Das Böse muss man nicht erforschen, sondern ablehnen.
Gott töpfert den Adam und formt Eva aus der Rippe.
Geht doch nicht, wenn man gegenständlich denkt.
Aber: Adam = Mensch, adama = Erde. Der Mensch ist ein Erdling, der Leben in sich trägt, das kein Bestandteil der Erde ist und der, wenn dieses Leben weicht, wird der Körper wieder zu Erde.
Der (oder die) Erzähler haben die Wahrheiten in eine Bildsprache verpackt.
Sie hätten auch ein kompliziertes Buch schreiben können, wie es sonst deutsche Theologieprofessoren schreiben, die darin alles mit wissenschaftlicher Genauigkeit und philosophischem Tiefgang reflektieren.
Das hätte nur kaum einer gelesen und erst recht kaum einer verstanden.
Besser ist es, dass sie es in einer bildhaften Weise ausgedrückt haben. Wenn wir uns nicht in Ablenkungsmanövern um die Gegenständlichkeit der Geschichte verlieren, liegen die Wahrheiten, um die es geht offen.
Ist Gott nicht schuld, weil er den Baum hingepflanzt hat?
Das ist ein nettes Manöver! Die Möglichkeit der Entscheidung schafft die Möglichkeit freiwillig, aus Liebe zu Gott, richtig zu handeln. Es geht aber auch anders. Sonst wäre keine freiwillige Liebe möglich.
Gott geht das Risiko ein. Er wollte keine Roboter oder Marionetten. Die Entscheidungsmöglichkeit gehört dazu.
Und dann noch ein relativ modernes Argument:
Musste der Mensch nicht davon essen, um Ebenbild Gottes sein zu können?
Na ja, stellen Sie sich einen Ehemann vor: Er geht fremd, hat intime, intensive Beziehungen mit etlichen anderen Frauen.
Kommt zurück und sagt zu seiner Frau: Du musst doch verstehen, dass ich das getan habe und dass ich es wieder tun muss. Ich wüsste doch sonst gar nicht, was ich an dir habe. Nur dadurch kann ich dich doch lieben.
So etwa ist das.
Wenn Ihnen Ihre Partnerschaft wichtig ist, rate ich von solchem Verhalten ab.
Nein, dieses Argument ist nichts anderes, als die Rechtfertigung des Wunsches sein zu wollen, wie Gott.
Auf gleicher Ebene zu stehen, selbst über richtig und falsch zu entscheiden.
Und d. h. auch: Nicht in der Rolle als ihm vertrauendes Geschöpf sein zu wollen.
Und das Argument: Sie sind ja nicht gestorben.
Nein biologisch, sind sie noch nicht tot. Aber das kommt dann schon noch! Aber alle ihre Beziehungen sind abgebrochen. Der Tod ist der Abbruch aller Beziehungen und in diesem Sinne ist der schon eingetreten.
Diese Geschichte enthält so viele Wahrheiten, die wir erleben, dass sich die Frage, ob sie wahr ist, gar nicht mehr stellt.
Wir erleben, unsere gebrochenen Beziehungen zu Gott, zu unseren Mitmenschen, zu unserer Umwelt und den Verlust unserer Sinnbestimmung.
Zum Glück erleben wir in Ansätzen auch heile Beziehungen.
Moment der Nähe Gottes, Vergebung, Dankbarkeit gegen Gott und Geborgenheit bei Gott, heile Momente in der Natur, gelingende Arbeit, Kraft gegen Dornen und Disteln und Ermüdung zu bestehen, gelingende Partnerschaften,
hilfreiche Freundschaften.
Am Ende der Geschichte macht Gott den Menschen Kleider aus Fellen. Das steht dafür, dass er ihnen das Überleben ermöglicht.
Und die Geschichte ist weitergegangen.
In der Bibel folgen noch 1186 Kapitel.
Durch Abraham wird Israel erwählt, als Modell.
Es werden Gebote gegeben, um dem Unheil zu wehren, es wird ermahnt, ermuntert, es werden Propheten gesandt.
Und letztlich: Jesus kommt in die Welt. Menschen erleben: Gott ist unter uns. In ihm ist Gott uns ganz nah. Das Reich Gottes ist da, wo er ist.
Er sprach davon. Und von zukünftiger Vollendung. Er hat einen
Vorgeschmack gegeben. Und er hat eingeladen zur Gemeinschaft mit ihm. Er hat eingeladen zur Versöhnung mit ihm.
Genesis 1-3 ist nicht das Ende aber der Anfang des Verstehens unserer Existenz in dieser Welt.
Amen.