L.G.
Gott bleibt durch die Geschichte der Gleiche, was vor Gott richtig und falsch ist ebenso. Ebenso bleiben wir Menschen im Kern unseres Verhaltens gleich.
Die Lebenssituationen ändern sich.
Oft unterscheiden sie sich sehr .
Hin und wieder gleichen sie sich mal.
Deshalb haben Erfahrungen von Heil und Unheil auch Gemeinsames.
Glaubenserfahrungen ereignen sich in vergleichbarer Weise immer wieder neu.
Der Predigttext ist eine Botschaft in eine bestimmte Situation.
Und die Frage die vor uns liegt ist: Was können wir daraus für uns gewinnen?
Jeremia schreibt einen Brief nach Babylonien.
Dort leben etliche seiner weggeführten Landsleute.
Der kleine Staat Juda hat aufbegehrt gegen Nebudkadnezar, den König von Babylon. Dieser führte eine Strafaktion durch.
Er hat einen neuen König eingesetzt.
Er hat die Oberschicht weggeführt in seinen Land Babylonien.
Oberschicht das hieß auch Handwerker, einfach alle Menschen Menschen, deren Fähigkeiten seinem Staat nützlich sein konnten.
Der Staat Juda bestand noch 10 Jahre weiter . Dann erst wurde 587 vor Christus die Stadt Jerusalem zerstört
Wenn wir uns nun in die Situation der Weggeführten hinein denken: Sie sind fern der Heimat . Fern von Freunden und Verwandten. Sie leben in einem heidnischen Land.
Sie sind fern vom Tempel in Jerusalem.
Sie stellen die Warumfrage?
Ist Gott zu schwach? Ist er böse? Oder ist das nur eine kurze Prüfung?
Viel später erst werden sie verstehen: Ihre Gleichgültigkeit und Gottlosigkeit hat das verschuldet.
Jeremia schreibt einen Brief .
Von einem Seelsorger würde man jetzt Trost, Mitgefühl und gute Worte erwarten
Pfarrer würden sich sehr bemühen, den Leidenden nicht noch etwas Belastendes zu sagen.
Am Ende des Briefes steht ja auch Tröstliches: „Ich will euer Glück und nicht euer Unglück.“
Davor aber stehen harte Worte:
„Gott hat euch wegführen lassen.“
„Ihr werdet lange bleiben müssen.“
„Glaubt nicht den Heilsversprechen: Bald wird alles gut.“
Die Botschaft heißt im Klartext: Ihr werdet nicht nach Israel zurückkommen, ihr werdet in der Ferne leben und irgendwann sterben.
Aber diese Wahrheit hat dann auch wieder was Tröstliches: Ihr könnt dort leben. Baut Häuser, heiratet, zeugt Kinder, denkt an die Zukunft.
Diese Situation mit unserer Situation zu vergleichen fällt schwer. Was können wir bei aller Verschiedenheit der Situationen doch mitnehmen?
Als Erstes: Hinter dem Ergehen der Völker steht Gott. Nicht immer erkennen wir die Zusammenhänge – aber ob es uns gut oder schlecht geht, ist nicht losgelöst von Gottes Handeln
Und Gottes Handeln ist auch nicht losgelöst von unserem Gehorsam gegen Gottes Ordnungen.
Es ist nicht so einfach: Wer fromm ist, dem geht es gut, wer böse ist leidet. Nein es leiden auch Fromme. Auch Jeremia wurde irgendwann verschleppt. Er wurde nicht verschont, weil er Gott gehorsam war. Andererseits bleibt Sünde auch nicht ohne Folgen.
Ob es uns gut geht oder nicht, können wir von Gottes Handeln nicht lösen: Ein Lied wie „Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen“, drückt dies aus.
Wir können unsere Situation nicht mit der, der damaligen Verschleppten vergleichen. Glücklicherweise!
Uns geht es gut. Aber wir wissen auch, dass nicht alles gut ist:
Wir haben viele Probleme in unserem Land. Es gibt immer größere Arm-Reich-Gegensätze. Wir haben Probleme mit zunehmenden Naturkatastrophen und Umweltproblemen. Wir wissen um Radikale in der Welt, die unsere Kultur ablehnen und für ihre kulturellen Vorstellungen bereit sind zu kämpfen. Wir haben eine Bevölkerungsentwicklung, die Sorgen bereitet. Wir haben Prognosen von wirtschaftlichen Abwärtsentwickl-ungen und gegenläufigen Trends in anderen Teilen der Welt.
Wir haben den immer wiederkehrenden Pisaschock: Unsere Kinder sind nicht die Bestgebildetesten in der Welt.
Was früher das Zusammenhalten der Gesellschaft gewährleistet hat ist ins Wanken geraten. Werte haben sich geändert, richtig und falsch, gut und böse werden anders beurteilt als früher. Ehrlichkeit, Solidarität, Zusammenhalt sind im Rückgang.
Viele Menschen denken, dass demokratische Kompromisse nicht mehr weiterhelfen. Sie wählen die, die schnelle Lösungen versprechen.
Viele Fromme staunen immer wieder, wie weit von christlichem Denken und Glauben viele Menschen doch entfernt sind.
Wo früher christliches Denken prägend war, wo man als Christ einfach im Normalen stand, ist man heute Außenseiter. Früher lebte man als Christ in einer Gemeinschaft Gleichdenkender.
Heute lebt man in einer völlig pluralistischen Gesellschaft, wo Glauben je nach dem mal akzeptiert oder mal belächelt wird.
Manche erschrickt das und sie fühlen sich wie weggeführt von den christlichen Geborgenheiten.
Übrigens auch Nicht-Religiöse, die nicht Glauben oder gar nicht glauben wollen, erschrecken manchmal darüber, dass es so viel Unehrlichkeit, soviel unsoziales Handeln, so viel Böses gibt. Dabei ist das doch eine logische Folge: Warum sollen Menschen, die nicht glauben, nach den christlichen Werten leben, die unsere Gesellschaft früher zusammenhielten?
Und alles zusammen führt dann dazu, dass Menschen sagen: In der heutigen Zeit kann man doch keine Kinder mehr in die Welt setzen. Es führt dazu, dass die Zukunftserwartungen insgesamt sehr negativ sind.
Und dass Menschen keine Perspektiven für sich sehen, dass manche Jugendliche außer einer Karriere als Bürgergeldempfänger keine Erwartungen haben.
Nein, es geht uns besser als den Verschleppten Isareliten damals. Trotzdem müssen wir damit leben lernen, dass der geschützte Rahmen des christlichen Abendlandes zerbröselt
Die verschleppten Israeliten mussten damit leben lernen, dass sie von Heiden umgeben waren, dass sie mit ihnen zu tun hatten, das sie fern vom Tempel und der selbstverständlichen Kultur ihres Glaubens lebten.
Jeremia lässt aber auch keinen Zweifel, dass dies möglich ist:
Gott ist der Herr der ganzen Welt. Es gibt keinen Ort und keine Situation, wo man ihm nicht vertrauen und ihm gehorchen könnte.
In anderer weniger christlich geprägten Gesellschaft zu glauben, das zu lernen, das ist unsere Aufgabe. Damit verbunden ist auch die Aufgabe, unseren Glauben zu bekennen. Wenn alle glauben ist das ja nicht so notwendig. In unserer Zeit und Gesellschaft ist es sehr notwendig.
Es ist die Herausforderung an die Christen in unserer Zeit.
Als zweites schreibt Jeremia: Sie sollen Häuser bauen, Gärten anlegen, Familien gründen, kurz sie sollen Zukunft gestalten.
In einer Zeit, in der das Jammern immer lauter wird und die Zukunftsängste größer werden, ist es Aufgabe der Christen, die Zukunft in den Blick zu nehmen und über den Tag hinaus zu denken. Wer einen Baum pflanzt tut es nur bedingt für sich: Kinder und Enkel werden dadurch Früchte und Schatten haben.
Wer sonst als die Christen, die sogar Hoffnungen über dieses Leben hinaus haben, könnten den Weg zeigen und vorleben von der, wie es Peter Hahne mal genannt hat „Ich-AG“ zur „GmbH, der Gesellschaft mit begründeter Hoffnung“. Weg vom „Was ist jetzt und hier für mich gut?`“zum „Was ist gut für die Gesellschaft und die kommende Generation“
Wer sonst könnte es vorleben, dass es Wichtigeres gibt, als aktuell den größtmöglichen Spaß zu haben?
Und damit kommen wir zum nächsten Punkt, den Jeremia nennt: Seid um das Wohl der Städte besorgt, in die ich euch verbannt habe.
Anders übersetzt: „Sucht der Stadt Bestes“ und „betet für sie“ Wenn alle, die über politische Entscheidungen schimpfen, für die Entscheidungsträger beten würden, das würde viel ändern. Und dann gleich auch noch für die Wähler, die an die Entscheidungsträger egoistische Wünsche haben.
Denn ist es nicht der Egoismus, das Gewinnstreben, das Gesetze fordert, die Ungerechtigkeit fördern? Ist es nicht die Geldgier, die uns die augenblicklich noch billigere Energie wählen lässt, obwohl wir uns damit Zukunftsprobleme schaffen? Ist es nicht die Unfähigkeit zum Verzichten, die familienfördernde Regelungen verhindert?
Wer betet, denkt mit. Wer mitdenkt, will auch mitreden. Wer der Stadt Bestes sucht, wird nicht poltikverdrossen, sondern gestaltungswillig. Demokratie füllt sich so mit Leben.
„Nicht die Politik verdirbt den Charakter“, wie manche Leute sagen, sondern schlechte Charaktere verderben die Politik. Darum sollen wir als Christen uns einmischen und Verantwortung übernehmen. Was unser Herz und unser Leben bestimmt, was unser Gewissen und unseren Charakter prägt, das soll seine Früchte tragen im öffentlichen Leben. Das Einmischen beginnt dabei auch schon in ganz normalen Gesprächen, wenn wir unsere Überzeugungen einbringen.
Wenn Jeremia damals seine Landsleute auffordert, so zu handeln, also das Beste der Feinde zu suchen, wieviel mehr muss das dann für uns gelten?
Jeremia verspricht kein schnelles Heil. Auch heute gilt es denen entgegenzutreten, die ganz schnell alle Probleme gelöst haben wollen, oder denen, die das versprechen.
Am Ende der teilweise doch ernüchternden Botschaft steht dann ein großes Versprechen: Es sollen wieder heile Verhältnisse kommen: Gott will sich finden lassen.
Das ist ja das Elend vieler Christen: Gott scheint so weit weg, so wenig von seinem Handeln ist zu spüren.
Und das ist auch der große Zweifel und manchmal auch der Vorwand bei Menschen die keine Christen sind: Gott kann man doch gar nicht finden, man kann doch nur ins Blinde glauben. Wie gesagt, manch einer zweifelt und quält sich mit dem Thema, andere sind ganz froh: Wenn man das mit Gott ja nicht so genau wissen kann, dann braucht man ihn auch nicht wirklich ernst zu nehmen.
Gott sagt aber zu: Wer mich von ganzem Herzen sucht, von dem will ich mich finden lassen. Wer ihn sucht, der wird ihn erfahren, der wird Gewissheit bekommen.
Von ganzem Herzen suchen, das heißt sich nach Gottes Nähe sehnen, d.h. ganz selbstverständlich auch Gottes willen tun wollen, wenn man denn Gewissheit über ihn findet.
Von ganzem Herzen, das ist das völlige Gegenteil von unverbindlich mal etwas religiös sein.
Ihn suchen, das ist die grundsätzliche Zielsetzung, die aus der Sicht Gottes jedem Menschen aufgetragen ist.
Gott suchen, immer wieder, immer wieder das ganze Leben vor ihm ausbreiten, nach Rat und Weisung suchen, sich nach seiner Nähe sehnen, das ist die Handlungsweise, die Christen aufgetragen ist.
Auch da, wo er uns verborgen und fern erscheint: In den Krisen und Umbrüchen unseres Lebens, in den Erfahrungen von Leiden und Leid. Keine und keiner von uns hat Gott in der Tasche wie einen sicheren Besitz. Gott möchte, dass wir ihn immer von Neuem suchen im Hören auf sein Wort und im Gebet mit ganzem Herzen.
Und er möchte, dass wir in anderen den Wunsch anstoßen, Gott zu finden, weil wir etwas ausstrahlen von der Freude Gott zu kennen.
Amen.