Jeremia 1, 4-10 Geliebt und berufen

4 Das Wort des HERRN erging an mich, er sagte zu mir:
5 »Noch bevor ich dich im Leib deiner Mutter entstehen ließ, hatte ich schon meinen Plan mit dir. Noch ehe du aus dem Mutterschoß kamst, hatte ich bereits die Hand auf dich gelegt. Denn zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.«
6 Ich wehrte ab: »Ach, Herr, du mein Gott! Ich kann doch nicht reden, ich bin noch zu jung!«
7 Aber der HERR antwortete mir: »Sag nicht: ‚Ich bin zu jung!‘ Geh, wohin ich dich sende, und verkünde, was ich dir auftrage!
8 Hab keine Angst vor Menschen, denn ich bin bei dir und schütze dich. Das sage ich, der HERR.«
9 Dann streckte der HERR seine Hand aus, berührte meine Lippen und sagte: »Ich lege meine Worte in deinen Mund.
10 Von heute an hast du Macht über Völker und Königreiche. Reiße aus und zerstöre, vernichte und verheere, baue auf und pflanze an!«

Zitat aus Gute Nachricht Bibel ©2000 Deutsche Bibelgesellschaft,  Stuttgart

Liebe Gemeinde,
keiner von uns ist Jeremia.
Aber Gott ist zu keinem von uns anders. Also lassen Sie uns das mal in kleine Portionen verpacken und fragen was davon auch für uns gilt.
Jeremia hat zwischen 627 und 580 v. Chr. als Prophet Gottes gewirkt. Er musste seinem Volk den Untergang voraussagen. Er musste sie warnen und erleben, dass sie sich nicht warnen ließen. Er wurde wegen seiner Botschaft angefeindet.
Wer lässt sich auch gern die nationale Katastrophe ansagen? Er wurde bedroht und misshandelt und beinahe umgebracht.
Im Jahr 587 musste er die Zerstörung Jerusalems miterleben. Später wurde er von Landsleuten nach Ägypten verschleppt, wo sich seine Spur verliert.
Kaum einer von uns wird so eine spezielle Berufung erleben. Das macht einen Bezug dieses Abschnitts auf uns nicht so einfach. Andererseits stecken auch in diesem Abschnitt, der die Berufung Jeremias erzählt, einige allgemeingültige Wahrheiten über Gott und uns. Diesen Wahrheiten möchte ich nachspüren.

„Ich kannte dich und hatte einen Plan mir dir “ das sagt Gott zu Jeremia; und das gilt für jeden Menschen.
Jeder Christ ist zu etwas beauftragt.
Und jedem, den Gott beauftragt, dem sichert er auch Beistand zu.
Wir leben unser Leben. Wir wissen, es ist eine kleine Zeitspanne, die mitten in nahezu unendlich langen Zeitläufen steht. Wir sind einer oder eine von mehreren Milliarden Menschen auf der Erde.
Da kann man sich fragen: Was bin ich eigentlich?
Was bin ich, was macht mich wertvoll? Was macht mich bedeutsam? Was macht mein Leben sinnvoll? Oder bin ich nur völlig unbedeutend? Ein Nichts in der Unendlichkeit?
Wie der Philosoph und Atheist Bertrand Russell einmal formuliert hat „ein Staubkorn am Rand des Universums“?
Verschiedene Antworten versuchen wir Menschen zu finden: Die häufigste: Ich bin, was ich leiste. In der Schule fängt es an: Wenn einer gut ist, kann er sich denken meine guten Noten, die machen meinen Wert aus. Ich bin besser als die anderen.
Nach der Schule setzt sich das Ganze im Beruf fort, oder man verlegt seine Suche nach Anerkennung auf einen anderen Bereich: Vielleicht ein Hobby, wo man sich wirklich auskennt und deshalb für andere wichtig ist. [Was wäre der Verein ohne mich?]
Irgendwo möchte man gut sein oder der beste sein: Damit man sich sagen kann, „ich bin doch wer.“
Wir können unsere Bestätigung finden durch unsere Leistungen. Dieser Versuch ist anstrengend und spätestens dann an seiner Grenze; wenn wir nichts oder nicht mehr so viel leisten können.
Neben der Bestätigung, die wir uns selbst durch Leistung uns beimessen, spielt die Bestätigung, die wir durch andere Menschen bekommen, eine große Rolle. Ich bin das, was die anderen von mir halten. Schwierig ist es wenn wir uns diese Bedeutung für andere durch ein angepasstes Verhalten, dadurch dass wir Erwartungen erfüllen, verdienen und erhalten müssen,
Immer ist es wichtig, was die anderen von einem denken und man versucht anzukommen. Man macht, was in ist und erwartet wird, was in dem jeweiligen Umfeld zählt.
Bei Jugendlichen gibt es andere Normen wie bei Erwachsenen. Aber jeweils lebt man so, wie es erwartet wird,
zeigt man ein bestimmtes Image.
Vielleicht äußerlich durch eine bestimmte Frisur, bestimmte Kleider oder Accessoires. Manchmal, in dem man den korrekten vorbildlichen Menschen zeigt, woanders dadurch, dass man sich zum Depp macht.
Durch Anpassung an Sitten – althergebracht oder gerade in.
Die Abläufe sind aber gleich: Das macht man so: Dann gilt man etwas.
Wenn wir uns die Anerkennung anderer verdienen müssen, stehen wir unter Druck. Und das Ergebnis ist unsicher.
Anerkennung durch Menschen kann ein Leben tragen, wenn sie um unserer selbst willen gegeben wird, und wir sie uns nicht verdienen müssen, oder anders gesagt, wenn sie nicht durch ein Fehlverhalten verloren gehen kann.
Wenn in einer Familie Kindern diese Anerkennung und Liebe gegeben wird, dann ist das etwas, worauf ein Leben aufgebaut werden kann. Aber menschliche Liebe kann nicht das ganze Leben tragen. Allein schon deshalb, weil wir als Menschen nicht unbegrenzt leben und die geliebten Menschen eines Tages verlassen müssen oder sie uns verlassen.
Irgendeinen Selbstwert, irgendetwas, woraus er seine Bedeutung schöpft, braucht jeder Mensch.
Wenn jemand nichts hat, worin er die Bedeutung für sein Leben sieht, woraus er eine Bestätigung für sich zieht, dann wird er verzweifeln, bzw. verweifelte Versuche unternehmen, daran etwas zu ändern.
Wer viel Ablehnung erfährt als Person und auch für seine Eigenschaften, dem bleibt vielleicht nichts anderes, als ziemlich verrückte Dinge zu tun, um dies zu ändern.
Wem es so geht, der steht auch in der Gefahr, alles als wertlos anzusehen und so zu handeln. Das kann dann z. B. dazu führen, dass jemand zerstörerisch mit sich und anderen Menschen umgeht, weil ihm nichts, etwas bedeutet.
In dieses Problem hinein spricht der Satz, den Gott Jeremia sagt: Ich kenne dich. Ich kenne und liebe dich. Ich habe meine Hand auf dich gelegt.
Erkennen meint im Hebräischen auch: In Liebe ansehen.
Gott sieht wohlwollend an. Er sieht und hat gern.
Die Erwählung erfolgt vor aller Leistung. Schon vor der Geburt sagt Gott zu Jeremia.
Und das ist nicht auf Jeremia begrenzt. Auch Jesus handelt so. Er segnet die Kinder, er nimmt die Sünder an.
Jeder ist so geliebt.
Gott geht nicht nach Leistung: Was ohnmächtig vor der Welt ist, das hat Gott erwählt, schreibt Paulus im Korintherbrief.
Gott schenkt Liebe, dadurch sind wir etwas. Wertvoll, weil von ihm geliebt. Egal, was wir sonst über uns sagen können: Das gilt.
Nun kommt ein zweites:
Die Gute Nachricht übersetzt in Vers 5: Ich habe einen Plan mit dir. Du sollst mein Prophet sein.
Jeremia wird geliebt und beauftragt.
Er darf und soll auch etwas tun.
Eine Beauftragung, wie Jeremia, erlebt nicht jeder.
Trotzdem ist jeder berufen. Jeder ist berufen, Jesus nachzufolgen. Und in dieser Nachfolge zu tun, was er uns aufträgt.
Wir wollen doch Herausforderungen. Wie viel abgedrehte Freizeitvergnügen suchen wir als Herausforderung.
(Wie viele neue Levels komplizierter Spiele brauchen wir. Nix gegen ein Spiel zum zweckfreien Entspannen. Aber stundenlang, tagelang Zocken ist Vergeuden von Lebenszeit und Verweigerung der Aufgaben, die Gott uns vorlegt.)
Brauchen wir die Herausforderungen im Freizeitbereich, weil wir die Herausforderung, die Gott uns stellt, nicht annehmen?
Jeder ist beauftragt im Sinne Jesu zu leben.
Was sollen wir tun?“ Er sagte, handelt in meinem Sinne, bis ich wiederkomme”, „ein Beispiel hab’ ich euch gegeben, das auch ihr so aneinander handelt, wie ich es getan habe. Dient einander.“
Und er hat seine Jünger ausgesandt, zum Reich Gottes einzuladen. Er hat sie aufgefordert zu beten “Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in die Ernte schicken soll” und sie dann gleich hingeschickt zu den Menschen.
Und am Ende stand dann „Geht hin in alle Welt. Ladet alle Menschen ein, meine Jünger zu werden.“
Und zur Bekräftigung hat er ihnen zugesprochen: „Wer euch hört, der hört mich.“
Das kommt uns doch eigentlich auch entgegen: Geliebt sein ist gut, aber wir wollen doch auch für den, der uns liebt, etwas tun.
Das kann ja alles in kleinen Portionen geschehen:
Man kann sich um Migranten kümmern. Schüler können anderen helfen, bessere Noten zu schreiben.
Und dieses „ladet Menschen ein, meine Jünger zu werden“ kann ganz klein anfangen, indem man zum Glaubenskurs einlädt.
Da wird kaum jemand kommen, wenn er oder sie nicht persönlich dazu eingeladen wird
In einem Lied heißt es „Jeder kann mit seinen Gaben das tun, was kein anderer schafft.“
Oder mit einem Satz aus einem anderen Lied:
„Irgendeinen Platz hat Gott, an dem will er dich haben, irgendetwas kann kein andrer Mensch so gut wie du.“
Geliebt und beauftragt ist jeder.
Je ungewöhnlicher der Auftrag, desto klarer ist vielleicht die Berufung.
Jeremias Reaktion war nicht: „BOAH, ich werde ein Prophet! Toll, endlich weiß ich, was ich werden soll. Dann brauche ich mich ja nicht mehr zu bewerben. Ich werde berühmt!
Die lesen in 2600 Jahren noch von mir.“
Nein, seine Reaktion war abwehrend. Ich bin zu jung, ich kann nicht reden. Eigentlich hätte er auch sagen können: Ich habe Angst.
Wie jung er ist, wird Gott gewusst haben.
Die Angst kennt er auch “Fürchte dich nicht”, ist seine Antwort.
Das Ziel jeweils ein anderes.
Unsere Reaktionen sind aber oft ähnlich.
Ich doch nicht, davon weiß ich nichts. Ich habe keinen Auftrag. Man sollte das mal in der Stille sondieren und im Gebet fragen: Herr, was soll ich für dich tun? Vielleicht hat er nur eine Bestätigung, mach weiter das, was du schon tust. Vielleicht gibt es auch den Impuls zu einer Kurskorrektur.
Zum Einladen in die Jugendgruppe und zum Glaubenskurs, braucht man keine spezielle Berufung.
Oft ist es ja gar nichts Großes, nichts Unüberschaubares. Und die Aufforderung hat man längst gehört.
Gegenüber den Herausforderungen, vor denen Jeremia stand, sind unsere Herausforderungen bescheiden.
Martin Luther hat in seiner Einleitung zum Buch Jeremia geschrieben:
“Jeremia ist ein elender betrübter Prophet gewesen, hat zu jämmerlich bösen Zeiten gelebt, dazu ein trefflich schwer Prophetenamt geführt…sich mit bösen halsstarrigen Leuten hat müssen schelten und doch wenig Nutz können schaffen, sondern zusehen, dass sie je länger je ärger wurden, und ihn immer töten wollten ….” Den Nutzen konnte ihre mir nicht mehr sehen. Wahrscheinlich haben seine Worte dazu beigetragen, dass die Menschen nach der Katastrophe verstehen konnten, dass sie selber mit dazu beigetragen hatten, so wie ihre mir, es gesagt hatte.
Fürchtet euch nicht vor Menschen. Was können Menschen euch tun, sagt Jesus. Menschen geben uns nicht unseren Wert, deshalb haben sie nicht das letzte Wort über uns.
Und Widerspruch ist zu ertragen auf dem Fundament der Liebe Gottes.
Amen.