Jesaja 40,26-31 Sterngucker


26 Seht doch nur in die Höhe! Wer hat die Sterne da oben geschaffen? Er läßt sie alle aufmarschieren, das ganze unermeßliche Heer. Jeden Stern ruft er einzeln mit Namen, und keiner bleibt fern, wenn er, der Mächtige und Gewaltige, ruft.
27 Ihr Leute von Israel, ihr Nachkommen Jakobs, warum klagt ihr: »Der HERR kümmert sich nicht um uns; unser Gott lässt es zu, dass uns Unrecht geschieht«?
28 Habt ihr denn nicht gehört? Habt ihr nicht begriffen? Der HERR ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, seine Macht reicht über die ganze Erde; er hat sie geschaffen! Er wird nicht müde, seine Kraft läßt nicht nach; seine Weisheit ist tief und unerschöpflich.
29 Er gibt den Müden Kraft, und die Schwachen macht er stark.
30 Selbst junge Leute werden kraftlos, die Stärksten erlahmen.
31 Aber alle, die auf den HERRN vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und brechen nicht zusammen.

Zitat aus Gute Nachricht Bibel ©2000 Deutsche Bibelgesellschaft,  Stuttgart

Lied vor der Predigt: „Weißt du wie viel Sternlein stehen“

Liebe Gemeinde,
nachdem Sie den Predigttext gehört haben, wissen Sie auch, weshalb wir eben das Lied gesungen haben.
Ich hoffe, dass es zwar den Effekt hat, auf Gottes Größe und Liebe zu verweisen, dass sich der Nebeneffekt, den Eltern meist beabsichtigen, wenn sie das Lied abends ihren Kindern singen, sich jetzt aber nicht eingestellt hat.

Neben den vielen Sternen geht es in unserem Text um viel Kraft, um Stärke. Es ist also ein sehr zeitgemäßer Text, obwohl er schon so ca. 2 ½ tausend Jahre alt ist.
Denn Stärke zählt. Dynamisch muss man sein. Power muss man haben. Leistung muss man bringen. Aber nicht nur wir, auch die Dinge, die wir benutzen. Mit hohen PS-Zahlen lassen sich Autos noch immer besser verkaufen als mit niedrigen Verbrauchswerten.
Und was uns verspricht unsere Kräfte zu steigern, ist begehrt.
Es hat meine Fantasie angeregt, als ich im Supermarkt in der Kassenschlange, die Menge der Red Bull-Dosen im Einkaufswagen vor mir sah. 64 Stück waren es. Wenn die Werbung recht hat, kann damit ja eine ganze Partygesell¬schaft abheben oder eine Kleinfamilie ein paar Tage lang über der Stadt kreisen.
Aber die Absicht, die vorhandenen Kräfte zu vermehren, hat auch früher in der Werbung schon ihre Spuren hinterlassen. Die Kraft der zwei Herzen wurde versprochen. (Dual Core Prozessor sozusagen).
Wie auch immer: Es gibt schlimmere Aufputschmittel für Körper und Stimmung. Und die finden auch ihre Konsumenten.

Aber kommen wir zurück:
„Sind sie stark?“
Entsprechen Sie den Anforderungen, die unsere Gesellschaft stellt? Bringen Sie die nötige Leistung. Haben Sie genug Power? Sind Sie durchsetzungsfähig? Halten Sie Belastungen aus? Auf die körperliche Kraft zielt die Frage noch am wenigsten. Da sind die Verhältnisse ja mit Armdrücken schnell festgestellt.
Also, sind sie stark?
Nun will ich nicht auffordern, die Selbsteinschätzungen hier laut kundzutun. In den Gesprächskreisen der Gemeinde könnte es allerdings ein interessantes Gesprächsthema sein. Und ein Gespräch über das Empfinden von Stärke und Schwäche könnte auch befreiend wirken, weil man mitbekäme, welche Probleme andere mit Ihrer Selbsteinschätzung mit Erwartungen und Ängsten, mit Stärke und Schwäche haben.

Ich gehe mal davon aus, dass einige sagen werden: Ich bin stark.
Andere würden klar sagen: Ich bin schwach.
Viele würden sagen: Ich muss stark sein.
Und viele würden in ihrer Einschätzung von Tag zu Tag schwanken.
Wer schwach ist, möchte es nicht laut herausschreien.
Die, die denken, „ich bin stark“, haben vielleicht auch Probleme, es laut zu sagen. Ist eine solche Einschätzung nicht vielleicht ein verfehltes Selbstbewusstsein? Warnt die Bibel nicht: „Hochmut kommt vor dem Fall?“ Sagt Jesus nicht: „Ohne mich könnt ihr nichts tun?“ Und wer wirklich stark ist, der weiß ja auch um seine Schwächen.
Sich stark fühlen ist unter Christen eher verpönt. Aber seien Sie ruhig stolz auf Ihre Fähigkeiten, auf ihre Stärken. Und seien sie Gott dankbar dafür! Denn was sie können, können sie nur, weil sie Fähigkeiten mitbekommen haben, die sie entwickeln konnten.
Und nutzen sie ihre Fähigkeiten, für das, was wichtig ist.
Machen sie es, wie es die Legende von Christophorus erzählt:
Christophorus wollte mit seiner Kraft dem größten König dienen. So kam er nach Irrwegen dazu, Jesus Christus zu dienen. Ihn suchte er, um ihm zu dienen.
Der Anspruch den Jesus stellt, ihm nachzufolgen, ist eine wirkliche Herausforderung. Wer stark ist, kann in der Nachfolge seine Kraft einsetzen.
„Kirche ist etwas für die Schwachen“, so wird manchmal abschätzig gesagt. Klar ist die Kirche für die Schwachen da. Klar gilt der Satz von Jesus, dass die Mühseligen und Beladenen zu ihm kommen sollen. Bei Jesus durften und dürfen sich auch Menschen einfinden, die es nicht gepackt haben, die versagt haben, die schwach waren und schwach sind.
Und die Aufforderungen, barmherzig zu sein, zielen ja darauf für die Menschen da zu sein, die Barmherzigkeit nötig haben.
Kirche ist für die Schwachen. Aber eben nicht nur für die Schwachen, sondern auch für die Starken.
In der Nachfolge Jesu werden allerdings auch die Starken ihre Schwächen und ihre Grenzen erkennen.
Ich muss es gestehen: Als ich jung war – also so vor drei Jahrzehnten – da konnte ich nicht viel damit anfangen, wenn in Gebetsgemeinschaften um Kraft gebetet wurde, um Dinge zu bewältigen. Kraft hat man doch!?
Aber das Bewusstsein der eigenen Kraft hat sich mit der Zeit verändert. Auch die Herausforderungen verändern sich im Laufe des Lebens und damit auch der Kraftbedarf.

Es ist nun mal natürlich, dass die körperlichen Kräfte im Lauf des Lebens abnehmen.
Schon die Kraft, das normale alltägliche Leben zu bewältigen, ist keine Selbstverständlichkeit.
Und die Begrenztheit unserer Kräfte erfahren wir doch umso mehr, wenn es um die weniger praktischen Herausforderungen geht:
Um die Kraft sich zu verändern, schlechte Gewohnheiten abzulegen, ein liebender, erneuerter Mensch zu werden.
Oder um die Kraft sich für Veränderungen einzusetzen, besonders, wenn es gegen die Mehrheitsmeinung geht.
Oder um die Kraft zu vergeben und demütig zu handeln.
Aber auch um die Kraft eigenes Leid zu ertragen; Verluste anzunehmen, mit Begrenzungen und Einschränkungen zu leben. Und um die Kraft fremdes Leid zu ertragen, es auszuhalten, nicht auszuweichen.
Wer sich für das Gute einsetzt, merkt die Begrenztheit seiner Kraft.
Es gibt so vieles, was unsere Lebenskraft beeinträchtigt,
Krankheiten, Leiderfahrungen, Unrecht, das uns durch andere zugefügt wird, auch die Erfahrung, selbst ein Teil der Probleme dieser Welt zu sein, all das und noch viel mehr, drückt nieder und raubt Lebensfreude, Motivation, raubt uns Lebenskraft.

Um die Frage, woher wir Kraft bekommen, angesichts der Wirklichkeit unseres Lebens und der Welt geht es in den Worten des Propheten.
Er redete ursprünglich zu niedergeschlagenen Menschen.
Bevor ich über die Antwort Jesajas etwas sage, möchte ich eine andere Frage durchdenken:
Wie deuten wir die Welt?
Was steht hinter dem, was mit uns und anderen geschieht?
Ist das alles der zufällige Zustand, nach unglaublich vielen unerklärbaren Zufällen, die diese Welt, das Leben und uns selbst hervorgebracht haben? Gibt es für uns nur unser bisschen Leben? Und die Kraft, die wir eben haben.
Sind wir damit hineingeworfen in eine Welt ohne Plan und Ziel? Ist das Leben eben nichts als der Kampf ums Überleben? Und gilt eben das „Survival of the fittest“. Der Stärkere setzt sich durch und der Schwache geht unter?
Dann gilt eben: Man muss halt kämpfen, sich behaupten und u. U. untergehen.
Kraft hat man eben oder auch nicht. Und wer nicht stark genug ist, nach dem fragt letztlich niemand.
Oder gibt es ein Schicksal, das unser Geschick lenkt? Z. B. die Sterne. Es gibt ja Menschen, die glauben, dass mit dem Zeitpunkt der Geburt das Schicksal festgelegt sei. Und in unserer neuheidnischen Kultur kann man damit sogar Fernsehsender betreiben und gut verdienen.
Dann käme die Kraft aus der geschickten Zeitwahl der Ereignisse. Mehr oder weniger alles wäre eine Frage des richtigen Zeitpunkts.
Oder gilt der Inhalt des Spirituals „He’s got the whole world“ zu deutsch „Er hält die ganze Welt“.
Gott ist Herr über alles. Er hält die Welt in seiner Hand.
Und bei aller Freiheit, die er Menschen lässt, ist doch nichts seiner Herrschaft entrissen.
Aber wenn es so ist, wie ist es dann mit dem Unheil in der Welt? Handelt Gott willkürlich oder ist er schwach?
Oder gibt es Zusammenhänge, die wir nicht erkennen?
Einen Sinn hinter dem unverständlichen Handeln Gottes?
Die Zeitgenossen Jesajas sagten: „Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber“
Oder anders: Gott hat uns vergessen.
Die Menschen, die so fragten, waren die im Feindesland angesiedelten besiegten Israeliten in Babylonien.
Gott hatte sie nicht vor der Niederlage bewahrt. Und er ließ sie nun schon so viele Jahre in der Unterdrückung. Von ihm war doch offensichtlich nichts mehr zu erwarten.
Die Babylonier verehrten die Sterne als Götter. Und gab der Erfolg ihnen nicht recht?
Jesaja sagt den Menschen: Gott ist der Herr, auch wenn die Katastrophe gekommen ist.
Auch er lenkt den Blick zu den Sternen. Aber er sagt, die Sterne, die hat Gott auch in der Hand.
Gegen das Denken der meisten Menschen in der Antike
werden hier die Sterne entgöttert.
Jesaja sagt also gewissermaßen auch: Die Sterne lügen nicht.
Das tun sie wirklich nicht. Sie sagen nämlich gar nichts. Sie sind Gottes Werk, das ihm gehorchen muss.
Sie sehen: Auch damals war es nicht selbstverständlich, dass es Gott war, der alles gemacht hat. Es gab ganz andere Deutungen.
Und damals wie heute folgt der Schöpfungsglauben aus dem Heilsglauben: Weil der Prophet Gottes Wirken in der Geschichte sieht, weil er glaubt, dass Gott handelt, kann er auch glauben, dass er der Schöpfer ist.
So ist es immer: Menschen, die Gott erfahren haben, können auch glauben, dass Gott auch der Urheber der Welt ist.
Zu glauben, dass Gott der Herr des Universums ist, ist keine Frage naturwissenschaftlichen Kenntnis- bzw. Unkentnis-standes.
(Ich habe übrigens gelesen, dass unter Physikern sich prozentual mehr Menschen zu Jesus bekennen als im Durchschnitt der Bevölkerung.) Es ist eine Frage des Vertrauens und der daraus erwachsenden Gewissheit.
Wenn Gott aber Herr über alles ist, dann ist er auch eine Quelle der Kraft.
Eine griechische Sage erzählt von Antäus. Er war der Sohn der Mutter Erde und unüberwindlich stark. Niemand konnte ihn bezwingen. Bis Herkules ihn von der Erde hochhob. Da verlor er seine Kraft und wurde bezwingbar.
Antäus bezog seine Kraft aus der Verbindung zu seinem Ursprung, der Erde.
Nehmen Sie mal ein schweres Gewicht in die Hand und stehen sie damit auf dem Boden aufrecht, ohne zu schwanken. Und dann machen sie dasselbe auf einer Matratze. Sie werden schnell merken, was ein fester Untergrund ausmacht.
Christen beziehen ihre Kraft auch aus ihrem Ursprung, aus Gott. Aus der Glaubensverbindung wächst Kraft.
Im Vertrauen auf Gott sehen wir kraftspendende Wahrheiten:
Wenn Gott Herr der Welt ist, dann ist unser Handeln in der Welt nicht sinn-und ziellos.
Wenn Gott Veränderungen will, dann ist unser Handeln in der Welt nicht umsonst.
Wenn Gott will, dass wir selbst verändert werden, dann können wir mit seiner Hilfe rechnen. Er selbst will Gutes in uns wachsen lassen.
Wenn wir wissen, dass allein Gottes Urteil über uns maßgebend ist, dann gibt uns das Kraft, Anfeindungen zu ertragen.
Wenn wir glauben, dass Gott uns unverdient vergibt, gibt uns das Kraft, zu vergeben. Wir sehen dann die Relationen richtig: Gott vergibt uns enorm viel, da ist die Vergebung, die er von uns erwartet im Vergleich unerheblich.
Durch die Hoffnung auf die Auferstehung bekommen wir Kraft Leid zu ertragen. Nicht alles Glück muss sich in dieser Welt
ereignen.
Jesaja sagt: Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Vielleicht ist es bezeichnend, dass der Adler als Beispiel genannt wird.
Ein Adler fliegt nicht wie ein Spatz. Er fliegt nicht, indem er hektisch flattert. Er versteht es, sich tragen zu lassen.
Amen.