Die in der Predigt erwähnte Grafik gibt es hier: Erfülltes Leben, Grafik
Liebe Gemeinde,
Es ist schön, hier erbaulich, Gottesdienst zu feiern. Was kann schon Schlimmes dabei passieren?
Aber Gottesdienst feiern, das ist ja nichts, um mal ein bisschen was Erbauliches zu hören und ein bisschen was Frommes zu machen, sondern wenn es Gottesdienst ist, wenn Gott ins Spiel kommt, dann geht es darum, wie unser Leben gelingen oder auch misslingen kann. Und auch das könnte ein Grund sein, dass Gottesdienste nicht mehr so hoch im Kurs stehen.
Das kann einen durcheinanderbringen!
Deshalb werde ich schwierige Lebensfragen ins Spiel bringen. Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, wie Menschen vor diesen Fragen flüchten, wie sie aber trotzdem von Ihnen eingeholt werden. Und weil ich oft erlebt habe, dass es oft, wenn sie definitiv von Ihnen eingeholt werden, zu spät ist, um noch etwas zu korrigieren.
Also ich war 32 Jahren Jahre lang Gemeindepfarrer und konnte eine Menge Beobachtungen machen, wie Menschen sich um die entscheidenden Fragen des Lebens herumdrücken.
Also denken wir doch mal über unser Leben nach:
Genauer gesagt, wie wir es füllen und was das größte Problem unseres Lebens ist.
Was ist denn unser größtes Problem?
Schnell wird jetzt jemand denken, aber das ist doch bei jedem anders.
Nein, das glaube ich nicht.
Unser größtes Problem ist unsere Endlichkeit. Egal was wir reinpacken zwischen Geburt und Tod, es hat nie Bestand. Und es gilt, was der Philosoph Friedrich Nietzsche erkannt hat: „Alle Lust will Ewigkeit, will tiefe tiefe Ewigkeit.“
Ein frischgebackener Rentner, dem es zu diesem Zeitpunkt gut ging, sagte: „So könnt‘s bleiben“. Aber jeder der Anwesenden wusste, es wird nicht so bleiben.
Jemand hat mal gesagt, das Leben, das sei der Bindestrich zwischen dem Sternchen, dem Symbol für die Geburt und dem Kreuz dem Symbol für den Tod. Natürlich ist das nicht nur so ein kurzes Strichlein, sondern eher eine längere Linie. Aber egal, wie lange die Linie ist und was wir alles in unserer Lebenszeit unterbringen, alles ist vergänglich.
Da liegt anfangs Lebenszeit vor einem und man will sie füllen. Wir füllen Momente und streben danach, dies möglichst angenehm zu tun. Ein Standardwunsch, den wir äußern ist: viel Spaß!
Aber die Momente sind zu kurzlebig, als dass sie die Lebenszeit füllen könnten. Und wer das Leben mit angenehmen Momenten füllen will, der braucht ständig Nachschub. Die schönen Momente, das sind die Pünktchen oberhalb der Lebenslinie auf der Grafik. Die sind schwer zu sehen. Während sie maßstabsgerecht dargestellt, im richtigen Verhältnis zu 80 Jahren, wären sie überhaupt nicht mehr zu sehen.
Ja es gibt eine ganze Industrie, die die Langeweile vertreiben soll: unzählige Fernsehprogramme oder, für die Jüngeren gesprochen, Streamingsdienste, YouTube, TikTok, Reels. … …
Aber auf diesem Weg wird das Leben nicht erfüllt.
Also denken wir über den Moment hinaus. Wir haben ein Bewusstsein für Zeiträume. Wir setzen uns Ziele, die uns antreiben. Da kommen die Bögen auf der Grafik ins Spiel.
Einem Kindergartenkind wird bewusst, dass danach etwas anderes kommt. Die Größeren die gehen in die Schule. Das wollen die Kindergartenkinder auch. Ein erstes großes Ziel! Und dann beginnt die Schule und die Erstklässler sitzen, so habe ich es oft gesehen, stolz wie Oskar im Einschulungsgottesdienst. Endlich kommen sie in die Schule! Die Begeisterung für Schule legt sich oft ziemlich schnell. Und auch wenn sie weiterhin gern in die Schule gehen, ewig wollen sie ja nicht in der Grundschule bleiben. In den nächsten Jahren erscheint das nächste Ziel am Horizont. Der Schulwechsel, die weiterführende Schule. Dort wiederholt sich dann die Grundschulerfahrung von erster Begeisterung, über Realismus, bei manchen zu Frust und bei allen zum nächsten Ziel den Schulabschluss machen. Und dann Ausbildung Studium, Beruf. Und wenn man das erreicht hat, dann folgen weitere Ziele: Aufstieg, mehr Geld, mehr Verantwortung, mehr Chef.
Ist das alles? Nein, natürlich nicht. Es gibt ja noch den Traum vom Führerschein vom ersten Auto und vom zweiten und einem schnelleren und einem sparsameren. (Wir sind ja nicht mehr so verantwortungslos wie früher, wo man einfach nur einen schnellen Sportwagen wollte. Heute muss er auch noch die Welt retten. Aber sorry, ich schweife ab.
Und dann gibt es ja auch noch das weite Feld der Liebe.
Eine Freundin oder einen Freund finden und dann noch eine und wieder eine. Nein, dann doch lieber eine Partnerin oder einen Partner wo wirklich Liebe im Spiel ist. Und im Spiel bleibt. Bis dass der Tod uns scheidet. Das ist das Beste, was wir in diesem Leben auf dieser Ebene anstreben können. Die Grenze ist aber schon gleich mit genannt. Auch die tiefgehenste Liebesbeziehung, die beste Ehe wird ein Ende finden.
Die Endlichkeit macht auch in diesem Fall keine Ausnahme.
Ich komme noch mal zurück auf die Ebene Beruf, weil es da am deutlichsten ist, wie es immer läuft. Man im B ist im Beruf, steigt auf oder hat irgendwann gar keine Lust, mehr, weiter aufzusteigen, und dann gibt es ein neues Ziel! Was für ein Ziel! Der Ruhestand. Was auch immer man getan hat, um da hinzukommen, wo man ist, irgendwann reicht es dann auch. Ja, wenn nicht vorher „was passiert“, erreicht man auch dieses Ziel. Sas, was passiert, so umschreiben ja viele die Tatsache, dass man stirbt.
Der Ruhestand muss wohl ein ganz besonderes Ziel sein. So viele Leute haben mich gefragt, wie‘s mir denn jetzt geht im Ruhestand. Als wäre das eine Krankheit, die nur schwer zu ertragen ist oder, so klang es bei manch anderen an, ein endlich erreichtes Traumziel, eine lang ersehnte Erfüllung.
Mit jeder Konfirmandengruppe habe ich über die Ziele im Leben gesprochen, über ihre Vergänglichkeit und ihren begrenzten Wert und dann habe ich sie gefragt, wenn wir an dem Punkt Ruhestand waren: „Und was meint ihr, was kommen jetzt noch für Ziele?“
Und dann sagten die Konfirmanden: Vielleicht noch eine große Reise machen oder noch eine und noch eine und dann vielleicht noch kleinere Reisen, was halt noch geht. Und einen guten Platz im Altenheim finden und dass die Enkel noch mal zu Besuch kommen. Alle Ziele waren mit „noch“ garniert.
Und irgendwann sind sie dann verbraucht die Ziele.
Manches was wir uns als Ziel setzen erreichen wir, manches verfehlen wir. Manchmal ist das, was wir erreichen, ernüchternder als das, was wir verfehlen.
Wenn wir etwas nicht erreichen, können wir in der Illusion bleiben, wenn wir es erreicht hätten, dann wäre alles gut gewesen. Wenn wir ein Ziel erreicht haben und gemerkt haben es war nicht erfüllend oder gemerkt haben, es hat inzwischen seine Bedeutung verloren, dann bleibt kein Platz für diese Illusion.
Also, wenn es nichts Bleibendes gibt, dann kommt‘s wohl doch ganz auf den Augenblick an. Dann gilt, wie der Apostel Paulus schon seine Zeitgenossen zitiert hat: „Lasst uns essen und trinken denn morgen sind wir tot.“
Ist das alles? Hat das Leben auch einen Sinn? Gibt es etwas Wichtiges über das Vergängliche hinaus? Oder anders gesagt gibt es überhaupt etwas Wichtiges?
Ein Sinn muss größer sein als wir selbst.
Er muss schon vor uns existiert haben und auch nach uns noch bedeutsam sein.
Wenn wir über diese Lebenslinie zwischen dem Sternchen und dem Kreuz einen großen Bogen zeichnen, der von weit davor herkommt und auch danach nicht endet, und deshalb in allen Lebensphasen bedeutsam ist, was könnte der symbolisieren? Was könnte der Sinn sein?
Also zum Beispiel wissenschaftlich arbeiten, ein Medikament gegen eine Krankheit finden, dass vielen Menschen hilft, das wäre doch was Sinnvolles.
Oder ein Kunstwerk schaffen, dass auch in Jahrhunderten noch Menschen fasziniert. Oder die Natur schützen, die vor uns schon da war und nach uns noch da sein wird. Oder in kleinerer Münze: durch den Beruf, durch das Handwerk, dass man beherrscht, Menschen zu helfen, angenehm und gut leben zu können. Oder Menschen zu unterrichten und ihnen so zu helfen, ihr Leben und die Welt zu gestalten.
Vieles kann sinnvoll sein und über das eigene Leben hinaus seinen Sinn behalten.
Ob man davon auf dem Sterbebett noch etwas hat, wage ich allerdings zu bezweifeln. Ob es tröstet, dass man das Heil bringende Medikament gegen eine Krankheit gefunden hat, wenn man gerade an einer anderen Krankheit stirbt? Ob es einen tröstet, dass wenn es mit einem selber zu Ende geht doch gleichzeitig noch Menschen das Bild anschauen, das man gemalt hat? Ob es einen tröstet, dass man ein Haus gebaut, ein Auto repariert oder sonst was zuwege gebracht hat?
Ich glaube, dann ist es auch egal, ob man mal Olympiasieger war oder nur den Backwettbewerb bei den Landfrauen gewonnen hat.
Am Ende ist bei allen gleich, es gibt einem keine persönliche Zukunft.
Klar man müsste sich damit abfinden, wenn es nichts Besseres gäbe. Es wäre immer noch besser, als jeweils nur für den Moment gelebt zu haben und die Momente nun eben hinter sich zu haben.
Wenn ich die Konfirmanden gefragt habe, was denn ein Lebenssinn sein könnte, dann haben sie meist als Erstes gesagt: der Glaube an Gott. Nun gut, sie waren ja gerade in einer Konfirmandenstunde. Da sagt man so etwas schon mal. Aber sie haben recht. Gottes guten Absichten mit den Menschen haben schon lange vor uns begonnen und enden auch nicht mit unserem Leben. Sich einzusetzen für Gottes Reich in dieser Welt ist sinnvoll.
Und es gibt einen großen Unterschied zu all den anderen Sinngebungen. Während die anderen genannten und nicht genannten Antworten auf die Sinnfrage für das persönliche Ergehen am Ende keine Rolle mehr spielen, kommt der Glaube an Gott gerade dann zur Vollendung. Aus dem Glauben wird schauen und eine bessere und ewige Zukunft beginnt. Dieser Lebenssinn ist keine allgemeine Wahrheit, die persönlich dann doch bedeutungslos wird, sondern eine Wahrheit, die für einen selbst und für die Welt ihre Bedeutung behält.
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben“, hat Jesus gesagt (Johannes, 14,19).
Was wird nicht alles getan um das irdische Leben zu verlängern! Kann man machen. Löst aber das Problem nicht. Es ändert nur den Zeitpunkt.
Dauerhaftes müsste es geben. Ein von den irdischen Beschwernissen befreites Leben müsste es geben.
Gibt es.
Noch mal Jesus: „Ich bin gekommen das Leben in seiner ganzen Fülle haben.“ (Johannes 10,10)
So etwas kann man ja mal zu dahin sagen, mag jetzt jemand denken.
Aber für die Wahrheit dieser Aussagen ist er in die tiefsten Tiefen gegangen. Und es war damit nicht zu Ende. Er ist auferstanden, er wurde gesehen. Die Sache ist super überliefert.
Unser größtes Problem ist unsere Endlichkeit. Und dafür gibt es eine Lösung.
Ein Kollege von mir sagt, wenn jemand von seinen Zweifeln, seinem Unglauben vielleicht auch von seiner Gleichgültigkeit gegenüber diesen Themen redet, schon mal den Satz: „Das muss ja nicht so bleiben“.
Nein, das muss nicht so bleiben. Man kann Jesus begegnen. Ist ja auch logisch: Sollte doch möglich sein, wenn er lebt!
Mit einem ehrlichen Gebet fängt es an.
Amen.