Lk 19, 1-10 Was braucht man zum Leben?


Anmerkung: Diese Predigt wurde in einem Gottesdienst mit Konfirmanden, Konfirmandeneltern und der normalen Gemeinde gehalten.

Lk 19,1-10
Liebe Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Gemeinde,
was braucht man zum Leben? Guten Schulabschluss, gute Ausbildung, guten Job, wo man viel Geld verdient für die ganzen Sachen aus dem Internet und dem Zeug, was die Influencer bewerben und für alles, was für all das wir sonst noch kaufen müssen damit wir es bequem haben, und keine Langeweile aufkommt. Was noch? Freunde und irgendwann eine Beziehung und noch eine und noch später mal eine Familie, aber erst dann, wenn es in die Lebensplanung reinpasst.
Und was noch? Na ja, was erleben halt!
Und Jesus! Ach nee, eigentlich nicht. Wozu denn den?
Lukas erzählt uns eine Geschichte von einem, der unbedingt zu Jesus wollte. Es ist eine Geschichte von Freude und Vergebung. Es geht um Veränderung und Erneuerung, es geht um die Liebe Gottes, die über die menschliche Schlechtigkeit siegt. Den Mann in der Geschichte hat das gepackt. Ob es uns auch packt? Oder kalt lässt?

Wenige Aussagen werden über Zachäus gemacht. Die sind aber so inhaltsschwer, dass wir ihn uns gut vorstellen können, was er für einer war.
“Er war der oberste Zolleinnehmer in der Stadt und sehr reich.”
Die Römer unterwarfen die Gebiete ja nicht, um später in den Geschichtsbüchern zu stehen. Sie zogen Gewinn aus den besetzten Gebieten. Sie erhoben Steuern und Zölle. Wurden Waren transportiert durch Stadttore oder über Brücken, wurden Abgaben verlangt. Die Zollgebiete verpachteten sie, gegen eine feste Summe. Ein Oberzöllner richtete das Zollsystem ein, in dem er Leute für sich arbeiten ließ, oder die Zollstellen weiterverpachtete. Nirgendwo war nachkontrollierbar, wie viel erhoben werden durfte. Noch weniger war es zu kontrollieren.
Die Zöllner hatten also die Lizenz zum Abkassieren. Sie waren unbeliebt, weil sie den anderen ans Geld gingen.
Wenn uns Menschen heute berufsmäßig abkassieren, lieben wir das auch nicht. Aber bei unseren Finanzbehörden und bei den Vollzugsbeamten, die Strafzettel schreiben, gehorcht das festen Regeln. Die damals konnten machen, was sie wollten.
Und die Zöllner arbeiteten ja auch noch mit den Feinden, den Römern zusammen.
Und die Römer waren Heiden. Sie galten den frommen Juden als unrein. Wer mit ihnen verkehrte, wurde ebenfalls unrein.
Zöllner waren vom Gottesdienst ausgeschlossen. Sie standen mit Räubern und anderen Verbrechern auf einer Stufe.
So ist es mit den Zöllnern. Wenn man diese Verachtung und Ablehnung noch steigert, kann man sich vorstellen, was die Menschen mit einem “Oberzöllner” verbanden.
Und dann heißt es weiter: “Er war sehr reich.”
Er war Oberzöllner in Jericho. Und Jericho war ein wichtiger Handelsplatz. Wen man Oberzöllner in Jericho ist, kann man sehr reich werden.
Dafür kann man auch schon ein bisschen was in Kauf nehmen, oder?
Es war eine Entscheidung: Werde ich Oberzöllner, dann werde ich reich, dann verliere ich die Achtung der Menschen und den Zugang zur Religion, aber ich werde viel, Geld haben.
Dass Geld oder auch nur die Aussicht auf mehr Geld wichtiger ist als Glaube und Ethik, das sehen doch viele Menschen so. Gottesdienst, Konfirmandenunterricht, da geht es doch nur um Religion. Hinter dem, was die Karriere fördert, Geld bringt und der Selbstverwirklichung dient, hat das alles zurückzu-stehen.
Wegen des Geldes bin ich aus der Kirche ausgetreten, sagen Leute oft. Und sie erwarten, dass man das natürlich versteht. Zachäus musste das gar nicht tun, der wurde ausgetreten, von den anderen.
Und dann heißt es weiter über ihn: “Er wollte unbedingt Jesus sehen”.
Genauer, er wollte sehen, “wer dieser Jesus sei”. Er wollte herausfinden, was er bringt, ob er von ihm etwas erwarten kann.
Nun kommen aber die ganz praktischen Schwierigkeiten: Er ist klein. Viele wollen Jesus sehen. Die Menschen stehen schon am Straßenrand, die lassen keinen durch. Den lassen sie schon gar nicht durch. Endlich steht er mal hinter ihnen und ist auf sie angewiesen. Sonst steht er vor einem und man ist von ihm abhängig. Nein, den lässt keiner durch.
Aber er ist nicht nur klein, er ist auch gewieft, er läuft voraus, er klettert auf einen Baum. Von dort kann er sehen, man kann ihn nicht wegschieben, und ihm die Sicht verderben.
Das ist schon etwas seltsam: Der Chefzöllner klettert mit seinem feinen Anzug, der nicht von C&A war, der klettert mit den Armaniklamotten auf einen Baum, wie ein Kind.
“Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sichs gänzlich ungeniert.” Das mag ja sein. Aber wenn einer so etwas macht, dann werden sich schon Spötter finden.
Also der ist auf einen Baum geklettert, um herauszufinden, wer Jesus ist und was er von ihm erwarten kann. Der hat sich lächerlich gemacht. Einige von euch Konfirmanden stöhnen schon, wenn sie im Konfirmandenunterricht aufpassen sollen, um das herauszufinden.
Er hatte eine große Erwartung an Jesus. “Unbedingt”, will er es wissen.
Erwarten Sie etwas von Jesus?
Oder würde sich nicht viel ändern, wenn es ihn nicht gäbe?
Was erwartet Zachäus? Es gibt ja Gerüchte: Jesus soll mit anderen Zöllnern ganz anders umgegangen sein als die anderen Leute. Er hat an Jesus Erwartungen: Vielleicht stimmt es ja, was man erzählt, dass er Leute wie ihn nicht ausstößt.
Dieser Zachäus ist offensichtlich religiös abgebrüht. Der Ausschluss aus der Synagoge hat ihn nicht abgehalten, diesen Weg zu gehen. Aber doch ist in seinem Herz eine Sehnsucht. Wenn das wahr ist, dass Jesus Menschen bedingungslos annimmt, dann will er nicht fernstehen.
In seinem Herzen ist eine Sehnsucht. Und deshalb sucht er mit ganzem Herzen. Wahrscheinlich hätte er gar nicht ganz erklären können, was er sich erwartet hat.
Warum sucht der? Hat er nicht alles? Materiell allemal.
Heißt es nicht manchmal, wenn Leute aus ihrem normalen Leben aussteigen: “Der hat doch alles gehabt.”
Wohl doch nicht, wenn einer nach was ganz anderem sucht.
Zachäus weiß, Reichtum ist nicht alles.
Paul Getty, Ölmultimiilionär hat gesagt: “Wenn man kein Geld hat, denkt man immer an Geld, wenn man viel Geld hat, denkt man nur noch an Geld.” Erfüllen kann es einen aber nicht.
Bei Zachäus blieb die Sehnsucht nach Liebe und Annahme. Und auch das Wissen, dass das Leben so nicht in Ordnung ist.
Vielleicht ist Jesus, ja für ihn wichtig? Eigentlich ist es ja ein irrationaler Versuch. Was hat man davon, wenn man einen Blick auf Jesus wirft? Da fährt die Tour de France vorbei. Man sieht einmal die Fahrer. Man kommt ihnen dadurch aber nicht näher.
Was hat man davon, dass man einen Blick auf Jesus wirft?
Nichts oder? Viele werfen einen Blick. Sie machen mal eine Annäherung an Jesus, wollen sich ein wenig anschauen, was die Kirche so bietet, kommen mal einen Gottesdienst besuchen, kommen mal in eine kirchliche Veranstaltung und dann gehen sie wieder ihrem normalen Leben nach. Ihre Existenz wird nicht davon angerührt. Was hat man davon, wenn man mal einen Blick drauf wirft, aber nicht mit dem Herzen sucht?
Nichts!
Was hat man davon, wenn man mit dem Herzen sucht und deshalb einen Blick drauf wirft? Was hat Zachäus davon?
Viel, weil Jesus einen Blick auf ihn wirft. Nicht zufällig geschieht das. Richtig geplant hört sich das an.
Jesus weiß, so scheint es, alles. Er redet ihn mit Namen an, er weiß, wen er vor sich hat, er weiß, er „muss” sein Gast sein.
Er kennt die Sehnsucht in seinem Herzen. Wer Gott von ganzem Herzen suchen wird, von dem will er sich finden lassen, steht in der Bibel. Gott kennt die suchenden Herzen.
Ist ja ein bisschen unverschämt, sich einfach zum Essen einzuladen. Zachäus sieht das ganz anders. Was Besseres hätte er sich gar nicht vorstellen können. “Zachäus nahm ihn mit großer Freude auf”.
Seit langen kam kein anständiger Mensch mehr zu ihm. Und jetzt kommt Jesus und behandelt ihn gut. Er sucht ihn aus, obwohl der Bürgermeister, die Ratsmitglieder, die Presbyter, alle bereit gewesen wären, ihn aufzunehmen.
Jesus hätte, als er ihn auf dem Baum sah, ja auch sagen können. Schämst du dich nicht? Weißt du eigentlich, wie verkommen du bist?, oder so was.
Wenn einer das nicht weiß, muss man es ihm vielleicht auch einmal sagen, Zachäus musste man es offensichtlich nicht sagen.
Das ist das Gute daran, wenn einer richtig falsch handelt und er es weder vor sich selbst noch vor anderen schönreden kann, dann spürt er, dass er Veränderung braucht. Dann spürt er, dass Vergebung etwas wert ist. Wenn einer nur ganz normal gleichgültig gegen Gott ist, so wie die meisten eben, dann merkt er nicht, dass etwas falsch ist. Wenn einer nur das Doppelgebot der Liebe, Gott lieben von ganzem Herzen und seinen Nächsten, wie sich selbst, missachtet und nicht weiter darüber nachdenkt, dann kann er sich einbilden, zwischen ihm und Gott sei alles in Ordnung. Zachäus kann sich das nicht einbilden.
Jesus lädt sich bei Zachäus ein. Da fallen vielen in der Stadt bald die Augen heraus. Sie murren. Weiß er denn nicht, was das für einer ist? Oh doch, er weiß es. Er weiß es sogar besser als die Leute. Er weiß, was Zachäus getan hat, er kennt ihn. Zachäus ist ein Mensch, der viel Schlechtes getan hat. Da haben die Leute recht, das ist wahr, das wird nicht gut, die Beurteilung stimmt.
Wir freuen uns ja doch immer, wenn wir noch eine Entschuldigung nachschieben können, wenn wir irgendetwas eingestehen können. Dann klingt es nicht mehr so schlimm. Bei Zachäus ist nichts schönzureden. Jesus kommt nicht zu ihm, weil der arme Kerl von den Leuten mit Vorurteilen traktiert wird. Es sind keine Vorurteile, es sind begründete Urteile.
Jesus weiß das, er weiß aber auch, dass Zachäus mit seiner Sünde nicht einig ist, dass er nicht so bleiben will. Deswegen geht er zu ihm.
Das Jesus zu ihm kommt, dass er ihn annimmt, das krempelt ihn mehr um als alle Beschimpfungen und Ächtungen, der ganzen Stadt.
Er bekommt etwas geschenkt, das größer ist als sein Besitz. Er empfängt Liebe und wird dadurch frei zum Abgeben und ehrlich werden.
Ohne dass Jesus ihn dazu auffordert, sagt er von sich aus, dass er die Hälfte seines Besitzes den Armen und das erschwindelte vierfach zurückgeben wird. Er wird frei dazu, obwohl er sonst doch den Hals nicht vollkriegen konnte.
Er wird total verändert. Ja seinem Haus widerfährt Heil. Das Heil der Gemeinschaft mit Gott.
Das hat Zachäus davon. Wenn einer von uns sich als Zachäus fühlt, kann er sich sicher einfach mitfreuen. So ist Jesus auch zu mir, das wäre die Schlussfolgerung. Und wenn man sich äußerlich nicht mit einem wie Zachäus vergleichen kann, und doch weiß, dass man Vergebung braucht, dann kann man sich auch mitfreuen.
Aber das Normale heute ist etwas anderes: Man ist kein wirklich schlechter Mensch. Man ist nicht schlechter als andere. Da wird Gott schon mit einem zufrieden sein. Dass Gott will, dass wir unsere Mitmenschen lieben und wir ihn mit ganzem Herzen lieben und ihn über alles stellen sollen, daran will man sich nicht messen. Lieber mit den anderen vergleichen, da steht man besser da.
So will man nicht bei denen stehen, die murren, denn wir wissen ja, Jesus nimmt die Sünder an. Da kann man ja nicht dagegen sein.
Aber begeistert davon ist man auch nicht, weil man ja denkt, man habe Jesus nicht nötig.
Wer so denkt, bleibt in einer Beobachterrolle am Rande der Geschichte stehen.
Die Freude des Zachäus, die Freude der Umkehr und der Erfahrung des vergebenden Gottes, erfährt nur, wer sich eingesteht, dass auch er Jesus braucht.
Amen.