Liebe Gemeinde
aus allem kann man etwas lernen”, sagte der Rabbi. Seine Schüler lachten. “Rabbi, was lernt ihr von der Eisenbahn?”, fragte einer. Der Rabbi überlegt kurz: “Wer zu spät kommt, hat das Nachsehen. Das lehrt mich die Eisenbahn.”
Rabbi, was lernt ihr von dem Telefon?”, fragte ein anderer. “Was ich hier spreche, wird dort gehört.“ Da fragte ein Dritter: Rabbi, was lernt ihr von den Gaunern?”
Was kann man von diesem Gauner lernen? Was sollen wir von diesem Gauner lernen?
Die Geschichte die Jesus erzählt, ist anstößig. Durch und durch unmoralisch. Da hat einer große Verantwortung übertragen bekommen. Er ist von einem Eigentümer als Geschäftsführer eingesetzt worden. Er hat große Vollmachten erhalten. Der Eigentümer hat ihn vertrauensvoll wirtschaften lassen. Die Erträge gingen auf sein Konto ein. Alles schien gut zu laufen. Insgeheim aber wirtschaftet der Mann in seine eigene Tasche. Irgendwann wird es dem Eigentümer mitgeteilt und der fordert Rechenschaft. Vielleicht ein anonymer Hinweis. Der Eigentümer wird aufmerksam. Was ist da im Gange? Ein Wirtschaftsprüfer wird eingeschaltet. Innerhalb weniger Tage muss der Verwalter alle Bilanzen vorlegen. Ein paar Tage hat er Zeit – Jahre bräuchte er, um alles wieder in Ordnung zu bringen.
Er braucht wirklich nicht lange um seine Lage zu erfassen: Er wird seinen Job verlieren. Er wird auch keine andere Arbeit als Verwalter finden. Soll er bei der Müllabfuhr arbeiten oder vom Bürgergeld leben? Und dann setzt er zu seinem ersten Betrug noch einen größeren hinzu: Er fälscht noch einmal die Bücher. Diesmal nicht zu seinen direkten Gunsten, sondern zu Gunsten anderer. Er streicht deren Schulden zusammen und lässt sie das wissen. Er macht sich Freunde unter denen, die er begünstigt.
Lassen wir mal offen, ob dabei wirklich Freundschaft entsteht, die das Wort wert ist. Auf jeden Fall gewinnt er Amigos, die ihm später behilflich sein werden.
Diese Geschichte enthält ja vielleicht Gewitztheit, die uns eine gewisse Bewunderung abnötigt. Aber spätestens wenn wir uns die vergleichbaren Fälle aus unserer Zeit anschauen, vergeht uns das hämische Lachen. Die Liste der Betrügereien ist lang. Mitarbeiter in Firmen, Politiker, leitende Menschen gemeinnütziger Organisationen, u. a. m. Wo immer Geld verwaltet wird, besteht die Versuchung. Da sind Geschäftsführer, die Firmen zugrunde wirtschaften, zugunsten ihrer privaten Konten, und am Ende ist nicht nur Geld veruntreut worden, sondern auch viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Diese Geschichten kennen wir aus der Zeitung. Und nicht nur die Mächtigen machen es, auch die Kleinen versuchen sich Geld zu erschleichen, wo immer sich Schlupflöcher bieten.
Und solches Verhalten ist schlecht, unehrlich, es schadet anderen Menschen. So weit ist ja alles leicht zu verstehen. Aber dann, am Ende der Geschichte steht: “Und der Herr lobte den betrügerischen Verwalter wegen seines klugen Vorgehens”.
Da hört ja wohl alles auf, oder? ,
Jesus denkt offensichtlich, dass man auch von den Gaunern etwas lernen kann. Jesus geht mit seinen Vergleichen ohnehin großzügig und souverän um. Er mutet uns damit zu, uns ein wenig zu mühen, was er sagt zu verstehen.
Jesus scheut sich nicht, als Vergleich für Gott einen hartherzigen Richter zu nehmen, dem das Recht egal ist, und der sich nur erweichen lässt, weil die Witwe, die ihr Recht sucht, ihm auf die Nerven geht. Dabei will Jesus aber nur eines klarmachen: So hartnäckig sollt ihr Gott eure Bitten sagen.
Und ebenso findet Jesus nichts dabei zu sagen: Der Menschensohn kommt wie der Dieb in der Nacht. Damit wird nicht das Tun der Mitternachtsschlosser gerechtfertigt. Nur um das unerwartete Kommen geht es. Der springende Punkt ist in den Gleichnissen oft ein wenig versteckt. Vielleicht wollte es Jesus so, damit wir darüber gründlich nachdenken und es in unserem Herzen bewegen sollen. Bibelworte kann man auch gründlich missverstehen. Nicht immer liegt ihr Gehalt offen da. Um die Bibel zu verstehen, müssen wir sie verstehen wollen, müssen verstehen wollen, was Gott uns dadurch sagen will und ihn um dieses Verstehen bitten. Verstehen kann man die Bibel nur, wenn man sie als Anrede Gottes an uns Menschen ernst nimmt.
So gibt es auch in dieser Geschichte einen Vergleichspunkt, um den es geht.
Und dieser springende Punkt ist hier das konsequente Handeln angesichts der auf ihn zukommenden Zukunft. Ob es moralisch richtig ist, darum geht es hier nicht. Es geht nur darum, dass er angesichts der auf ihn zukommenden Prüfung das macht, was allein ihm helfen kann. Er weiß, was die Stunde geschlagen hat. Er beurteilt seine Lage nüchtern und richtig und handelt entschlossen. Dafür, dass er klug vorsorgt, wird er gelobt. Seine Maßstäbe sind völlig falsch. Aber darum geht es hier nicht. Und an dieser Klugheit können wir einiges entdecken:
Das erste: “Gib Rechenschaft”, verlangt der Besitzer. Dies nimmt der Verwalter ganz ernst. Er weiß, das kommt auf ihn zu. Er muss sich verantworten.
Wir reden viel von Verantwortung. Verantwortung für die Kinder, Verantwortung für die Schöpfung usw. Vor wem aber müssen wir uns verantworten? Vor anderen Menschen? Vor dem, was alle tun?
Oder vor unserem eigenen Gewissen? Das Gewissen aber braucht Maßstäbe. Wenn wir diese selbst setzen oder auswählen, dann wird die Gewissensprüfung zum Selbstgespräch, die Ergebnisse zum Zirkelschluss.
Verantwortung, das ist doch: Antwort geben. Verantwortung setzt ein Gegenüber voraus, dem ich eine Antwort schuldig bin. Wer die Klassenkasse anvertraut bekommt, der ist der Klasse verantwortlich. Der, der mir Arbeit überträgt, dem bin ich verantwortlich, diese Arbeit gut zu leisten.
Und dem, der uns das Leben gegeben hat, sind wir verantwortlich, was den Umgang mit unserem ganzen Leben betrifft. Er wird Rechenschaft von uns fordern, was wir damit gemacht haben. Mit vielen Einreden versuchen wir uns diesen Gedanken vom Leib zu halten. Die Bibel ist in dieser Sache allerdings sehr klar. Es wird so sein.
Wie wird unsere Rechenschaft aussehen?
Carl Zuckmeyer lässt den Hauptmann von Köpenick als bittere Bilanz seines Lebens sagen: “Und dann stehste vor Gott dem Vater, der alles geweckt hat. Vor dem stehste dann, und der fragt dich ins Gesichte: “Willem Vogt, was haste gemacht mit deinem Leben?” Und ich muss sagen;” Fußmatten”, muss ich sagen. “Die hab ich geflochten im Gefängnis, und dann sind se alle darauf rumgetrampelt”, muss ich sagen. “Und am Ende haste geröchelt und gewürgt, um das bisschen Luft. Und dann wars aus. Das sagste vor Gott, Mensch. Aber der sagt zu dir: “Geh weg”, sagt der. “Dafür hab ich dir das Leben nicht geschenkt”, sagt der. “Das bist du mir schuldig. Wo ist es? Was hast du gemacht?”
Gib Rechenschaft, sagt Gott zu uns. Vor ihm haben wir uns zu verantworten. Zur Klugheit unseres Lebens gehört das Wissen, vor Gott müssen wir uns verantworten.
Der Verwalter schätzt seine Lage richtig ein. Sie ist bitter¬ernst. Er hat nicht alles falsch gemacht, aber er kann nicht damit durchkommen, dass er sagt: “Ich habe doch auch so viele Geschäfte ehrlich und gut abgewickelt.” Das hebt seine Fehler nicht auf. Er kann keine ordentliche Schlussabrechnung vorlegen.
Können wir eine ordentliche Schlussabrechnung vorlegen? Wenn wir vor Gott stehen hat jeder Selbstbetrug ein Ende.
Wir leben unser Leben nicht konsequent zur Ehre Gottes.
Sind wir uns dessen bewusst?
Der Verwalter weiß, wie die Sache ausgeht, und er handelt und bereitet sich darauf vor.
Und er weiß, was in Zukunft für ihn wichtig ist. Er braucht ein Zuhause, wo er aufgenommen wird. Er braucht Versorgung. Es geht darum, wo er in Zukunft leben kann.
Und weil ihm das alles bewusst ist, handelt er so, dass die Gefahr abgewendet wird.
Das ist die bleibende Mahnung an die “Kinder des Lichts”, an die Christen. Zu wissen, was kommt, und sich nicht entsprechend vorzubereiten, das wäre unklug. Wie aber muss diese Vorbereitung aussehen.
Der Verwalter hat sich Freunde verschafft mit Geld. Und so folgert Jesus in Parallele dazu: Nutzt das leidige Geld, wörtlich den ungerechten Mammon, um euch Freunde zu verschaffen, die euch den Weg zum himmlischen Zuhause öffnen.
Da bleibt uns jetzt allerdings zum zweiten Mal der Mund offen stehen. Muss man sich den Himmel dann doch verdienen? Wie viel würde der Eintritt wohl kosten? Man kann ja bei den Freunden, die einem Einlass verschaffen, an die Stelle denken, wo Jesus sagt: Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dort ist etwas Ähnliches ausgedrückt. Ist es ein Beurteilen nach Leistung?
Aber man muss es natürlich im ganzen Zusammenhang der Evangelien sehen. Und da wird deutlich: Es ist Jesus, der vorausgeht, um bei Gott die Wohnungen zu bereiten. Und ohne ihn und seine Gnade wird keiner einen positiven Rechenschaftsbericht ablegen können. Er ist der, den man zum Freund gewinnen muss. Nicht durch Leistung und Verdienst nicht durch Geld. Einfach dadurch dass man seine Liebe erwidert.
Aber überdeutlich ist damit auch: Es gibt keinen Glauben, der nicht das ganze Leben durchdringt und umgestaltet. Man kann nicht Jesus zum Freund haben und die anderen Menschen, die Jesus auch am Herzen liegen links liegen lassen.
Wie der Verwalter, im Angesicht des bevorstehenden Verfahrens handelt, und ihm nichts anderes mehr wichtig ist, so kann auch uns die Verantwortung vor Gott nicht egal sein. Glaube, der nicht zu einem Leben führt, das damit rechnet, Gott entgegenzutreten, ist kein Glaube.
Die Aufforderung Jesu: Macht euch mit dem Geld Freunde, oder anders gesagt, nutzt es für Wohltaten gegen andere, die führt uns schon weit weg von unserem normalen Denken, wo eher gilt, schafft euch Sicherheit mit eurem Geld. Jesus ist nüchtern: Der Punkt, wo das Geld euch nichts mehr nützt, der kommt sowieso, deshalb sammelt Schätze, die dann noch gelten.
Also was kann man von dem Gauner lernen? Seid nicht dumm, und nutzt eure Chance, bei der Entscheidung, auf die es ankommt.
Amen