Matthäus 15, 21-28 Kein Recht auf Gnade

Liebe Gemeinde,

Das ist ein Text zum Schlucken.

Das empfinden wir als ungeheuer hart. Warum reagiert Jesus so? Wie kann er die Frau so behandeln?

Viele stoßen sich daran; Jesus muss doch helfen. Es gehört doch gewissermaßen zu seiner Pflicht? Er ist doch der Heiland! So höre ich es oft heraus, wenn man über das Beten spricht, z. B. im Konfirmandenunterricht. Ob Gebet sinnvoll ist, steht meist ganz unter der Überschrift: Bringt es etwas? Sinnvoll ist das Gebet, wenn ich bekomme, was ich will.

Hier wird Jesus seiner Rolle nicht gerecht, die wir ihm zuordnen. Er hilft nicht. Er ist schroff. Das passt nicht in unser Bild. Er behandelt die Frau von oben herab. Aber am Ende bescheinigt er ihr einen großen Glauben.

Was hat sie denn getan, dass Jesus sie so rühmen konnte? Über seine Jünger steht solch ein Satz nicht in den Evangelien. Nur ein einziges weiteres Mal ist dieser Satz von Jesus überliefert. Dort gilt er einem römischen Hauptmann.

Was großer Glaube wohl nicht ist? Wissen, Überzeugtsein, religiöse Geschichte, tiefe Frömmigkeit. Dazu hatte diese Frau gar keine Voraussetzungen.

Diese Frau stammt aus dem Ausland. Ihre Heimat liegt im heutigen Libanon. Sie gehört nicht zum Volk Israel zum auserwählten Volk. Sie gehört zu den Heiden. Vielleicht weiß sie dies und das über die Religion der Juden. Aber sie gehört nicht dazu. Zwischen Israel und ihrer Heimat liegt nicht nur irgendeine Landesgrenze. Zu dem Glauben Israels hatte sie keinen Zugang.

Indem sie Jesus anspricht, begeht sie eine Grenzüber­schrei­tung. Sie spricht einen fremden Mann an, was damals ungewöhnlich war, und sie spricht diesen Mann aus dem Ausland an. Sie spricht ihn an, mit der Bezeichnung Sohn Davids. Und damit hat eigentlich ausgedrückt, dass er für sie nicht zuständig ist. Er ist der Heiland für die Juden. Aber sie ist keine Jüdin. Und trotzdem ruft sie an: Herr erbarme dich.

Auch heute müssen Menschen Grenzen überschreiten, um Jesus anrufen zu können. Es sind die Grenze von Jahrhunderten, die Grenze von Kultur und zeitbedingten Unterschieden, die uns in den Evangelientexten begegnen. Aber es ist vielmehr noch die innere Barriere des materialistischen Denkens. Dass es so etwas einfach nicht geben kann: einen Gott, ein höheres Wesen, etwas, was man nicht sieht. Viele werden gehindert, weil es ihnen schwer fällt, Lehrsätze zu glauben, oder weil sie sich an manchen Einzelheiten in der Bibel stoßen. Für manch einen ist es ein großer Schritt, ins Unbewiesene hinein zu beten.

Und andere müssen aus einem Denken heraustreten, wo jeder irgendwie recht hat und alles irgendwie helfen kann, und anerkennen, dass Jesus der Heiland und Herr ist und nicht nur ein religiöses Angebot. Auch das „alles ist richtig Denken“, ist ein Hindernis zu Jesus zu kommen.

Ohne diese Grenzen zu überschreiten, ohne trotzdem sich an Gott zu wenden im Gebet, kommt keiner zu Erfahrungen Gottes.

Vielleicht bedarf es, um solche Grenzen zu überwinden, allerdings des Drucks einer tiefen Notlage.

Aus der Not heraus ruft sie Jesus an. Das tiefe Elend, in dem ihre Tochter steckt, führt sie zu Jesus und lässt sie schreien: Herr erbarme dich.

Und jetzt beginnt eine dramatische Szene: Da ist alles drin: Schweigen, Ablehnung, Schwebezustände, Annahme. Es ist ein Ringen mit Jesus. Wem es so ernst ist mit seinem Reden mit Jesus, wie dieser Frau, der ist hier gemeint. Für den ist diese Geschichte.

Die Frau schreit um Hilfe und Jesus antwortet nicht.

Sie kam mit einer großen Hoffnung. Aber Jesus antwortet ihr nicht.

Das Schweigen Gottes ist die größte Belastungsprobe des Glaubens. Dieses Schweigen werden viele von uns kennen. Da gibt es ein bedrängendes Problem, einen leidenden Menschen, einen Menschen, der dabei ist sich selbst zu zerstören, Krankheit, Schicksalsschläge, Unrecht. Und diese Not treibt ins Gebet. Hoffnung keimt auf. Aber Schweigen, keine Antwort. Keine Hilfe- Und gerade wer weiß, wer erlebt hat: Gott kann helfen, für den ist es umso schwieriger, warum hilft Gott nicht?

Das größte Schweigen ist das Kreuz gewesen. Da geschah das größte Unrecht, da war Jesus alleingelassen, und schrie: Mein Gott mein Gott warum hat du mich verlassen?

Und Gott schwieg und half nicht. Und doch lag in diesem Schweigen die Wende für die Welt. Vor Augen lag das Fernbleiben Gottes, aber dahinter stand die Erlösung und stand Ostern. Das Schweigen Gottes können wir nicht auflösen und erklären. Und doch: Es wird kein Gebet missachtet, wenn Gott auch nicht alles gibt, was wir erflehen. Und wenn er uns auch zumutet, dass wir vieles nicht verstehen, gibt es doch bei Gott kein Schweigen der Gleichgültigkeit.

Jesus antwortet nicht, aber sie hört nicht auf zu schreien. Sie lässt nicht ab von ihm, sie lässt sich nicht von seinem Schweigen abwimmeln. Sie schreit, so dass die Jünger es nicht mehr aushalten: „Lass sie doch gehen, sagen sie, sie schreit uns nach“. Ob sie meinen, hilf ihnen doch, du kannst es machen, oder ob sie ihn auffordern wollen, sie direkt abzuweisen, bleibt offen. Jedenfalls können sie die Spannung zwischen diesem Schreien und diesem Schweigen nicht aushalten. So wenig wie wir es aushalten können, dass so viele Not ungelöst bleibt.

Aber man kann diesen Graben zwischen dem Schreien und Beten, dem Schweigen, dem Nichtantworten nicht einfach zuschütten. Dieser Graben der macht das Glauben oft schwer. Und man davor auch die Augen nur solange verschließen, wie es einen selber nicht betrifft. Es ist schon besser, diesen Graben zu sehen, daran zu leiden und darüber vor Gott zu klagen.

Jesus löst die Sache auch auf den Einwand der Jünger hin nicht einfach in Wohlgefallen auf. Im Gegenteil die Frau bekommt eine harte Antwort: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ So war es sein Auftrag. Jesus sollte das Volk Israel zur Umkehr einladen. Dieses Volk, das Gott erwählt hatte, um der Welt zu zeigen, wie es ist, wenn man zu Gott gehört. Dieses Volk, das Gott erwählt hatte, um die Welt einzuladen, dieses Volk sollte Jesus zur Umkehr rufen, diesem Volk sollte er die Liebe Gottes bringen. Das war gewissermaßen der letzte Akt des Alten Bundes. Erst danach öffnet sich die Tür zu den anderen.

Vielleicht wusste das die Frau. Dass der Gott Israels, eben der Gott Israels ist, das haben die Völker drumherum ja nie anders gehört. Aber konnte Jesus etwas anderes sein als der Heiland? Konnte er sich in Israel über Menschen erbarmen und außerhalb die Hilfe verweigern?

Für die Frau heißt das: Gott ist gut, aber nicht zu mir. Ich bin draußen. Es gibt Hilfe, aber nicht für mich. Und auf ihren Aufschrei: Hilf mir doch! Sagt Jesus diesen harten Satz: Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden hinzuwerfen.

Wir sind geneigt aufzuschreien: „Jesus wie kannst du das sagen?“ Wie kann er dieser Frau, die sich in ihrer Not vor ihm niederwirft, so antworten? Sie mit einem winselnden Hund vergleichen?

Wir würden es verstehen, wenn sie angefangen hätte, ihn zu beschimpfen oder zu fluchen. Wie schnell kommt nach dem unerhörten Gebet der Fluch: Das Nein zu Gott.

Oder wenn sie versuchen würde, ihren großen Glauben als Empfehlungsschreiben hochzuhalten, so nach dem Motto: Ich habe immer nur Gutes getan, jetzt muss der Herrgott mir doch auch helfen.

Nein sie gibt eine unerwartete ungeheure Antwort: Sie sagt: „Ja Herr!“

Das heißt: Ich muss dir recht geben, wenn du schweigst, wenn du an mir vorbeigehst. Es ist nicht selbstverständlich, dass du mir hilfst. Du hast das Recht vorbeizugehen. Ich habe keinen Anspruch auf Hilfe.

Es ist gut, die ungeheure Tragweite dieser Äußerung klarzumachen: Denn damit ist doch nichts Geringeres gesagt als dies: Es ist nicht selbstverständlich, dass ich von Gott angenommen werde. Es ist nicht selbstverständlich, dass du am Kreuz für mich gestorben bist. Wir haben uns doch allzu sehr daran gewöhnt, dass uns die Gnade Gottes nachgeworfen wird. Heinrich Heine hat voller Zynismus von der Vergebung Gottes gesagt: „C’est son metier.“ – Das ist seine Branche, sein Geschäft. Wie viele denken so! Und überlegen sich dann, ob sie ihm gnädig sein Produkt abnehmen.

Aber Gott ist kein Vertreter in Sachen Gnade. Und kein Butler, der unauffällig im Hintergrund bleibt, um im rechten Moment zu helfen. Die Gnade Gottes kann auch ausbleiben. Es ist nicht die „verdammte Pflicht und Schuldigkeit“ Jesus Christi mir seine Zuwendung und Vergebung zu schenken.

Sie sagt: Ja Herr. Sie stimmt zu. Die Ablehnung ist berechtigt. Ihr ist die Gnade nicht zur Selbstverständlichkeit geworden. Aber dann sagt sie: „Und doch, bekommen die Hunde doch wenigstens die Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“

Da liegt scheinbar ein Widerspruch, nachdem sie doch gerade ja gesagt hat. Helmut Thielicke nennt dieses „und doch“ das Geheimnis des Gebetes: Sie stimmt zu d ass Jesus nicht helfen muss und hofft doch, dass er es trotzdem tun wird. Sie hofft, dass seine Liebe über das Nein siegen wird. Dass er doch helfen wird, obwohl es keinen Grund gibt.

Und dann erfüllt Jesus ihre Bitte, obwohl es keinen Grund gibt und obwohl er Ihr diese Bitte abgeschlagen hatte.

Diese Geschichte liegt uns viel mehr im Magen, als irgendeine der anderen Heilungen oder Befreiungen, die uns in den Evangelien berichtet werden.

Und sie fordert uns heraus:

– Gottes Hilfe nicht als etwas anzusehen, auf das wir Anspruch hätten. Gottes Hilfe ist Gnade, freie Zuwendung.

– Nicht zu erwarten, dass der Himmel schon anbricht, Gottes Heil schon allgegenwärtig wäre: Wir leben noch in dieser Welt, in der wir Schweres aushalten müssen. Und dazu gehören auch unerhörte Gebete und das Schweigen Gottes. Und dieses Schweigen verstehen wir oft nicht, und oft erst sehr viel später.

 -Sie fordert uns aber auch heraus, zum mutigen und unverschämten beten. Sie fordert uns heraus, nicht nachzulassen im Beten, auch wenn es scheint, dass Gott die Bitte schon längst abgeschlagen hat.

– Sie fordert uns heraus allen Widerständen zum Trotz zu glauben und zu bitten, denn auch wenn wir keinen Anspruch haben: Gott ist nicht taub. Er hört unser Schreien. Und: Er lässt sich erbitten.

Amen.