Mk. 2, 23-28 Zu unserem Wohl

Liebe Gemeinde,
den Gegensatz zwischen der Zeit Jesu und heute, in Bezug auf den Umgang mit dem Feiertag, diesen Gegensatz kann man sich gar nicht krasser vorstellen.
Damals bedeutete der Sabbat strenge Arbeitsruhe. Der Sabbat war scharf von allen anderen Tagen unterschieden. 39 Hauptarbeiten und viele Unterarten dieser Arbeiten waren fein säuberlich aufgelistet und verboten.
Der Sabbat war aber auch ein Festtag, der als besonderes Geschenk Gottes angesehen wurde. Auch durch diesen Feiertag unterschied sich Israel von den anderen Völkern.
Heute ist es anders. Der Sonntag stört. Er wird nicht als Ruhetag eingehalten und erst recht nicht als geheiligter Tag, als Tag für Gott.
Schon Bismarck hatte gesagt: “Ließe man den Leuten ihre Wahl, widmeten sie auch den siebten Tag am liebsten dem schnöden Zweck des Geldverdienens.”
So ist es geworden. Viele, die diese Wahl haben, haben sich so entschieden. Sie halten den Sonntag nicht frei von Arbeit. Viel Arbeit wird reingepackt in den Sonntag. Es gibt so viel wichtiges, was getan werden muss. Viele entscheiden sich gegen die Arbeitsruhe am Sonntag.
Über diese Entscheidungen, die viele Einzelne treffen, hinaus wird der Sonntag von vielen Seiten angegriffen. Kann unsere Gesellschaft es sich leisten, einen Tag freizuhalten von Arbeit? Warum müssen wir am Sonntag, auf das Schönste verzichten: aufs Einkaufen?
Müssen die teuren Maschinen nicht immer laufen? Kann man sich den zusätzlichen Gewinn durch die Ladenöffnung am Sonntag durch die Lappen gehen lassen? Muss man am Sonntag nicht Hausaufgaben machen, weil man es sonst nicht schafft? Ist man nicht so sehr belastet, dass man den Sonntag einfach braucht?
Nicht nur das. Aus vielen Aussagen von jungen Leuten höre ich auch heraus: Der Sonntag ist langweilig, da kann man nicht einkaufen gehen und auch nicht abends lang weggehen, wegen des darauffolgenden Montags. Und ich folgere mal weiter: Wenn man nichts zu tun hat, wenn man keinen Zeitvertreib hat, kommt man zur Besinnung. Und die Besinnung ist gefährlich. Da stößt man auf die ungelösten Lebensfragen.
Da rührt man an Dinge, über die man nicht nachdenken will.
In dem Lied “Sonntag”, der Gruppe “Fettes Brot” heißt es:
“Es ist Sonntag, ein Tag, den ich gar nicht mag,
weil ich mich da so viele Fragen frag.
Sonntags ist es ruhig und still
und ich weiß nicht wie und was ich machen will.
Und dann kommen diese Fragen, nach dem woher und wohin, war alles falsch oder richtig oder hat es keinen Sinn?
Bin ich wirklich das, was ich meine zu sein
oder besteht meine Welt nur aus Trug und Schein?”
Solche Fragen kommen dann, wenn man Ruhe hat. Nicht jeder möchte diese Fragen aushalten.
Vielleicht wird deshalb lieber gearbeitet?
Aber immerhin, auch die andere Sicht des Sonntags gibt es: Fast 60 Prozent der Deutschen sind gegen eine regelmäßige Öffnung der Läden am Sonntag und damit auch eindeutig für den Schutz des Sonntags. So ein Umfrageergebnis
Und immerhin: Eine halbe Million Unterschriften konnten bei der Aktion »Lasst den Sonntag in Ruhe« gesammelt werden.
Also ganz vergessen ist der Sonntag noch nicht. Allerdings erinnere ich mich an viele Konfirmandenjahrgänge, die das Gefühl ausdrückten, durch den Sonntag würde ihnen etwas weggenommen.
Es herrschte das Gefühl: Da wird mir etwas verboten. Da darf ich etwas nicht! Das Sabbatgebot wurde dabei zunächst immer als eine Regel angesehen, die das Leben einengt.
Für die Pharisäer mit denen Jesus in die Auseinandersetzung gerät war die Bibel ein Katalog von Regeln. Beim Zählen kamen sie auf insgesamt 613 Gebote und Verbote. Wie gründlich hatten sie Gott missverstanden. Es geht Gott doch nicht um die totale Reglementierung unseres Lebens. Sie dachten allerdings, dass Gott durch die Regeln das Heil für die Menschen schaffen wollte. Die Pharisäer dachten, durch das genaue Einhalten aller Gebote, geht es den Menschen gut.
Heute kann man manchmal Menschen treffen, die denken: Durch das Einhalten der Gebote Gottes hört der Spaß auf, wird das Leben trist. Christentum ist das, was man nicht darf. Sie sehen in Regeln und Geboten nichts Gutes. Nur Einengendes, nur Unfreiheit.
Andere sagen: Jesus hat Liebe gelebt und nur darauf kommt es an. Durch Jesus sind alle Gesetze abgeschafft. Für Christen gelten die Gebote nicht mehr. Als Beleg wird z. B. diese Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Pharisäern angeführt.
Jesus hat zwar gesagt, dass er das Gesetz nicht aufheben, sondern erfüllen wird, aber hier übertritt er doch das Gesetz. Oder genauer gesagt: seine Jünger tun es. Allerdings wird er als der Verantwortliche ausgemacht. Er hätte die, die ihm nachfolgen, ja zurecht¬wei¬sen können. Er tat es aber nicht, also billigt er ihr Verhalten. Schauen wir uns die Szene etwas näher an: Die Jünger Jesu sind mit Jesus unterwegs. Der Weg führt sie über die Felder. Das Getreide war reif. Einige Jünger essen von den Körnern.
Aber es waren an diesem Sabbat noch andere in den Feldern unterwegs, die am Verhalten der Jesusjünger einiges auszusetzen hatten. Das Problem lag nicht darin, dass die Jünger sich etwa an fremdem Eigentum bedient hätten – für den unmittelbaren Hunger war das durchaus erlaubt. Das Problem lag vielmehr darin, dass das Ährenausraufen als Arbeit angesehen wurde. Insofern hatten sie am Sabbat gearbeitet. Dafür stellen die Pharisäer Jesus zur Rede.
Jesus bestreitet den Verstoß nicht. Er argumentiert anders.
In seiner Antwort verweist er auf den Sinn der Ordnungen, die Gott gegeben hat. Sie sind um des Menschen willen gemacht. Sie sollen den Menschen Gutes bringen. Sie sollen ihnen zu einem erfüllten guten Leben helfen. Sie sollten nie das Leben erschweren, sondern, sie sollten, vor Negativem bewahren und zum Hilfreichen anleiten.
Deswegen sind sie auch nicht einfach aufzuheben. Nur sind sie nicht zu verstehen, als Ordnungen, die um jeden Preis in jeder Situation einzuhalten sind. Deswegen verweist Jesus auf David, der in einer bestimmten Situation mit priesterlicher Genehmigung ein Gesetz gebrochen hat.
Nicht einfach abzuschaffen sind sie, sondern sie sind der
Leitfaden zu einem gelingenden Leben. Wenn Jesus das Liebesgebot das wichtigste Gebot nennt, dann sind damit ja nicht die anderen Gebote unnötig, sondern sie sind, Leitpfosten, die einem helfen das Hauptgebot zu leben. Alle Regeln sind von dem wichtigsten Gebot her auszulegen. Insofern ist Jesus, der Menschensohn Herr über die Gebote und damit auch wie er hier sagt ”Herr über den Sabbat”.
Er ist die Mitte der Schrift. Sein Reden und Handeln ist der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Bibel. Das heißt aber nicht, dass alles unwichtig wäre, was nicht unmittelbar von ihm gesagt worden ist.
Die Verzahnung des Doppelgebotes der Liebe mit dem Sabbatgebot ist ganz besonders eng. Im Doppelgebot der Liebe heißt es, dass wir Gott lieben sollen. Das Feiertagsgebot fordert uns auf, einen Tag zu heiligen, d. h. einen Tag auszusondern, der uns frei macht, Gott zu suchen.
In der Begründung des Gebotes heißt es, dass Gott selbst geruht hat, nach der Schöpfung, und uns mit diesem Tag Anteil an dieser Ruhe geben will. Unsere Gottesebenbildlich-keit soll darin zum Ausdruck kommen, dass wir wie Gott ruhen und Zeit für ihn haben.
Ich habe eine afrikanische Fabel gelesen: “Eines Tages kamen unter einem großen Baum, die Tiere zusammen, weil auch sie – wie die Menschen, einen Sonntag haben wollten. Der König der Tiere, der Löwe erklärte: Das ist ganz einfach, wenn ich eine Gazelle verspeise, dann ist für mich Sonntag. Das Pferd meinte: Mir genügt schon eine weite Koppel, dass ich stundenlang austraben kann, dann ist für mich Sonntag. Das Schwein grunzte: Eine richtige Dreckmulde und ein Sack Eicheln müssen her, dann ist für mich Sonntag. Das Faultier gähnte und bettelte: Ich brauche einen dicken Ast, um zu schlafen, wenn es bei mir Sonntag werden soll. Der Pfau stolzierte im Kreis, zeigte sein prächtiges Federkleid und stellte höflich aber bestimmt fest: Nur ein Satz neuer Schwanzfedern genügt für meinen Sonntag.“
So erzählten die Tiere stundenlang und alle Wünsche wurden erfüllt. Aber es wurde unter ihnen kein Sonntag. Da kamen Menschen vorbei und wunderten sich: „Ja wisst ihr denn nicht, dass es nur Sonntag wird, wenn man mit Gott spricht, wie mit einem Freund?”
Der Sonntag soll ausgesondert sein, um Gott zu suchen und die Liebe zu ihm zu vertiefen.
Und er soll dazu dienen, Liebe zu den Menschen zu leben. Im 5. Buch Mose und auch an anderen Stellen wird betont, dass die Sabbatruhe allen zugutekommen soll. Ausdrücklich werden dort Knechte und Mägde, ja auch die Tiere genannt. Alle sollen ausruhen können. Das Volk Israel soll sich erinnern, dass sie befreit wurden aus der Sklaverei. Deshalb soll den von ihnen Abhängigen die Ruhe des Feiertages zugutekommen.
So steht dieses Gebot in Verbindung mit dem Gebot, den Mitmenschen zu lieben.
Die Gebote sind um des Menschen willen gemacht. Sie sollen nicht knechten, aber sie sollen anleiten zu einem gelingenden Leben. Deshalb wollt Jesus auch keines aufheben.
Amen.