Predigt zur 850 Jahrfeier des Dorfes

(Der Gottesdienst fand zum Ende des Jubiläumsjahres statt.‘)

Liebe Teilnehmer und Teilnehmerinnen dieses Jubiläumsgottesdienstes,

sie sind es gewohnt, dass vor Beginn einer Predigt ein Bibeltext gelesen wird. Das möchte ich heute nicht tun. Dafür werde ich an Ende der Predigt einige Bibelstellen zitieren, die man zu unserem Thema weiter bedenken kann.

Ein Jahr lang wurde nun ausgiebig gefeiert. 850 Jahre, das ist ja auch eine lange Zeit, die man schon mal gründlich in den Blick nehmen kann.

Da war einiges zu spüren, in diesem Jahr, vom Stolz auf eine lange Geschichte. Jubiläen feiert man gern. Man kann sich erinnern. Man zeigt damit aber ja auch, was man heute kann.

Aber trotz aller Selbstverständlichkeit des Feierns sei die Frage erlaubt, was haben wir eigentlich gefeiert? Und was feiern wir in diesem Gottesdienst?

Feiern wir die gute alte Zeit?

Es ist gut, sich zu erinnern, wie es früher war. Im Vergleich mit heute kann einem manches aufgehen.

          Bei den Umzügen und beim Mittelalterspektakel wurde uns vor Augen gestellt, wie es war. Das Mittelalter wurde ja nachgespielt. Für ein paar Tage taten Menschen mal so, als hätten sie kein Handy. Nostalgie konnte da aufkommen.

Aber möchte man so leben? War früher alles besser?

Manch einem mag es so erscheinen.

Damals waren die Möglichkeiten nicht so vielfältig. Nicht so viele Entscheidungen waren zu treffen. Das Leben war, geordneter, es war nicht so kompliziert.

War vielleicht früher alles besser?

Erich Kästner hat dieses Denken so karikiert:

Wie war die Welt noch imposant,

als ich ein kleiner Junge war!

Da reichte einem das Gras bis zur Nase,

falls man im Grase stand!

Geschätzte Leser – das waren noch Gräser!

Die Stühle war’n höher, die Straßen breiter,

der Donner war lauter, der Himmel weiter.

Die Bäume waren größer, die Lehrer Gescheiter.

Und noch ein Pfund Butter, liebe Leute,

war drei- bis viermal schwerer als heute!

Kein Mensch wirds bestreiten –

Das waren noch Zeiten!

Wie dem auch sei,

vorbei ist vorbei.

Nicht blieb beim Alten.

Man wuchs ein bisschen.

Nichts ließ sich halten.

Der Strom ward zum Flüsschen,

der Riese zum Zwerg,

zum Hügel der Berg.

… …

Man sah‘ s man ertrug‘ s.

Bloß weil man später

ein paar Zentimeter wuchs.

Beim Denken an früher ist oft die Suche nach der Unbe­schwert­heit der Kindheit mit im Spiel.

Aber nüchtern betrachtet: Nein, es war nicht alles besser.

Seit der Zeit des Bauern Dudo [erster erwähnter Hof des Dorfes]

und seit der Zeit der Entstehung der Heinhöfe [ursprünglicher Name desgleichzeitig urkundlich erwähnten Nachbardorfes] gab es viele schlimme Zeiten.

Es gab Seuchen und Missernten und immer wieder Kriege.

Der Wechsel der Heere, die im 30-jährigen Krieg fast im Jahreswechsel hier sich abwechselten, hat unglaubliches Elend gebracht. 1689 lebten noch 12 Familien in Dudenhofen.

Das Leben hier war zeitweise hart.

Es war wahrlich früher nicht alles besser.

          Andere sind geneigt, zu sagen: Früher war alles schlechter. Vor einigen Jahrzehnten war der allgemeine Optimismus schier grenzenlos. „Natürlich ist heute alles besser“, so hätte die klare Mehrheit gesagt: „Heute ist alles besser und es wird noch besser.“

Die Erwartungen in die weitere wirtschaftliche Entwicklung, in die technische Entwicklung waren nahezu grenzenlos. Dann kam die Zeit, wo man auch im sozialen Bereich dachte, wenn man nur genügend Althergebrachtes durch Neues ersetzt, dann wird es uns besser gehen.

Neue Formen des Zusammenlebens wurden ausprobiert. Neue pädagogische Ziele und Methoden wurden propagiert.

Die Ernüchterung darüber hat längst Einzug gehalten.

Wer redet haute noch von antiautoritärer Erziehung, wer wünscht sich noch unverbindliche schnell wechselnde Beziehungen?

Die Zeit der vom Optimismus getragenen Veränderungsbestrebungen ist abgeklungen.

Inzwischen hat sich ein Jammern breitgemacht.

Auch das ist der Situation nicht angemessen.

Wir dürfen, bevor wir klagen, nicht vergessen unter welchen äußeren Bedingungen wir leben.

Noch nie mussten Menschen so wenig von Ihrem Einkommen für das Lebensnotwendige aufwenden. Wir haben einen stabilen Staat mit einer verlässlichen Rechtsordnung.

Die äußeren Bedrohungen unseres Landes sind zurzeit sehr gering. Unsere Infrastruktur ist gut. Das macht das Leben einfach. Nach wie vor sind unsere Möglichkeiten riesig.

Haben wir uns das alles nur erarbeitet? Sollen wir uns auf die Schultern klopfen? Sollen wir – wie die schwäbischen Winzer in guten Jahren (jedenfalls sagt man ihnen das nach) sagen: „Oignes G’wächs“. Oder sagen wir, wie es die schwäbischen Winzer in schlechten Jahren sagen: „Der Herr hats wachsen lassen?“

Danken, dass es uns so gut geht, muss ein Hauptthema unserer Zeit sein.

Aber trotzdem, es ist ja auch nicht alles gut.

Familienstrukturen zerfallen. Und damit platzen jeweils auch die Träume von Menschen.

Kinder fehlt es an Geborgenheit,

Jugendlichen fehlt es an einer Perspektive für ihr Leben. Und dabei geht es nicht nur um Ausbildungsplätze. Da geht es mehr noch um die Antwort auf die Frage: Was soll und was will ich mit meinem Leben? „Konsumieren und Spaß haben“, das reicht nicht als Inhalt eines Lebens. Und das trägt erst recht keine Gesellschaft.

Längst ist deutlich, dass das frühere Rezept „Wachstum“ keine Lösung mehr für die Probleme des Arbeitsmarktes ist.

Auf Pump leben kann man auch nicht für immer.

Welche Folgen wird es haben, wenn sich eine soziale und wirtschaftliche Unterschicht weiter herausbildet?

Wie wird unser Land dastehen, wenn es einem überdimensionalen Altenheim gleicht?

Nein es ist nicht alles gut. Und dass es aufwärtsgeht, nimmt man heute nicht ohne Weiteres als selbstverständlich an.

Wenn unsere Gegenwart nicht problemfrei ist und die Vergangenheit auch nicht paradiesisch war, dann lassen sie uns doch mal nachdenken über die Fragen:

Was hat denn die Menschen früher getröstet? Was hat sie gestärkt? Was hat ihnen Hoffnung gegeben?

Was hat ihnen Maßstäbe gegeben?

Wenn man sich die Ortsgeschichten anschaut, dann wird schnell deutlich: Kirche und Dorf sind eng verknüpft gewesen.

Das Leben der Menschen hier ist vom christlichen Glauben geprägt gewesen.

In Ihren Ängsten und Bedrängnissen haben sie aus dem Glauben Hoffnung geschöpft. In ihrem Bestreben Glück zu finden, waren die Gebote Gottes Richtschnur und Begrenzung.

Im Blick auf die Ewigkeit konnten sie es ertragen, dass sich in diesem Leben viele Wünsche nicht erfüllten. Im Blick auf die Verheißungen Gottes über dieses Leben hinaus konnten sie auch die Zukunft die nachfolgende Generation fördern, auch wenn sie von dem Ertrag nichts mehr hatten.

Gedenkfeiern stehen oft unter einem Motto.

Ein Motto das mir öfter begegnet ist hieß:

Erinnern, danken und dann ging es unterschiedlich weiter:

……stärken, erneuern u. ä.

Erinnert haben wir uns, danken ist angemessen. Und dann:

Was gilt es noch zu tun?

Ein einfaches „back to the roots!“ zurück zu dem, wie es war, wäre nicht das Richtige und nicht das Mögliche.

Aber von den Wurzeln her Neues entwickeln, das ist dran.

Die Basis der Menschen hier war über Jahrhunderte der christliche Glaube.

Aus diesem Glauben leben und überzeugen durch die Hoffnung, die Zuversicht, die der Glaube gibt, das ist die Herausforderung. Aus dem Glauben leben und zeigen, dass die Maßstäbe, die Gott uns gegeben hat, das Glücklichwerden nicht beschränken, sondern fördern, das ist heute notwendig.

Den Glauben, der in der Vergangenheit getragen hat, zu bekennen in Wort und Tat, dazu sind wir heute herausgefordert.

So vieles ist anders als früher.

In uns Menschen bleibt aber so vieles gleich. Die Hoffnungen, die Ängste, der Wunsch nach Liebe und Geborgenheit,

das Leiden an Mühsal und Vergänglichkeit, das zieht sich durch alle Zeiten.

Durch alle Zeiten zieht sich auch die Verheißung Jesu an alle, die ihm nachfolgen: „Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“

Und wenn wir auf Gutes zurückschauen, dann können wir uns auch ermahnen lassen: (1, Sam 12,24)

„Aber ihr müsst den HERRN ehren und ihm in Treue und von ganzem Herzen gehorchen. Denkt doch daran, was für gewaltige Dinge er für euch getan hat!“

Samuel hat dies vor langer Zeit seinem Volk gesagt, bei einer Erinnerungsfeier.

Das gilt auch uns!

Amen.