Liebe Gemeinde,
wenn Sie alles richtig machen und wenn sie alles machen, was sie sich vornehmen, wenn es ihnen einfach gelingt, immer das Richtige und Gute zu tun, dann werden Sie heute mit der Predigt nichts anfangen können.
Umgekehrt, wenn ihnen sowieso egal ist, was richtig und falsch ist und sie einfach machen, was sie wollen und wovon sie denken, dass es ihnen Spaß macht, dann können sie jetzt auch schon gehen. Aber dann wären sie ja auch gar nicht hier.
Es sei denn, sie wären Konfirmandin oder Konfirmand. Dann würde es sich wegen des Aufklebers lohnen zu bleiben.
Wenn Sie allerdings – zumindest ansatzweise – spüren, dass in diesem Abschnitt aus dem Römerbrief ihr Leben abgebildet ist, na ja, dann hören sie zu.
Der Abschnitt ist nun nicht gerade eine eingängige leicht zu verstehende Geschichte, aber unser Leben ist das ja auch nicht.
Der Apostel Paulus schreibt von Menschen, die mit ihrem Leben nicht einig sind, die einen Konflikt spüren, zwischen dem, was sie für richtig erkannt haben und dem wie sie leben. Wie gesagt, wer diesen Konflikt nicht kennt, weil er denkt, dass er ohnehin alles richtig macht oder weil es ihm ohnehin egal ist, was richtig ist, der kann damit nichts anfangen.
Wer denkt, was er ohnehin alles richtig macht oder jedenfalls im Großen und Ganzen, der hat ein anderes Problem: Er hat noch gar nicht begriffen, was eigentlich richtig wäre und was Gott von ihm erwartet.
Wenn Menschen den Willen Gottes nicht kennen, haben sie es relativ einfach: Sie kennen kein absolutes Richtig oder Falsch. Alles ist relativ. Alles kann man irgendwie für richtig erklären. Wenn aber der ewige Gott, die höchste Instanz seinen Willen offenbart, dann kommt es darauf an, danach zu handeln.
Mit dem Wort „Gesetz“ ist diese Willensoffenbarung gemeint. Es ist ein Vorrecht, den Willen Gottes zu kennen. Das Gesetz Gottes zu haben heißt, gut und böse unterscheiden zu können. Das ist ein Vorrecht. Dem Volk Israel ist dieses Vorrecht gegeben. Durch Jesus ist dies auch uns geschenkt worden.
Dieses Vorrecht hat aber auch eine Gegenseite. Wo immer ein Mensch gegen Gottes Gesetz handelt, wird er dadurch verurteilt.
Je ernsthafter jemand auf Gottes Willen achtet, umso deutlicher wird er merken, dass er ihn verfehlt.
Und umso mehr wird ein Mensch merken, dass es eine Kluft gibt, zwischen den guten Absichten, die er hat und den Taten, die tatsächlich erfolgen.
Wenn ein Mensch seine Schuld bekennt, dann stimmt er zu, dass Gottes Willen gut ist, das eigene Verhalten aber davon abweicht und deshalb schlecht ist. Dies entspricht genau Vers 16: „Wenn wir aber das Böse, das wir tun, gar nicht tun wollen, dann beweist das, dass wir dem Gesetz zustimmen und seine Forderungen als berechtigt anerkennen.“
Gutes und Böses tun, das Gute kennen und trotzdem das Böse tun, ich denke, wir müssen das konkretisieren, damit es nicht so abstrakt stehen bleibt:
Den Nächsten lieben, wie uns selbst, das würde die Welt zum Guten verändern.
Wir wissen, wer unsere Zeit bräuchte, aber bis die Zeit für unsere eigenen Bedürfnisse verwendet ist, bleibt für andere nichts mehr übrig.
Wir wissen, wer unsere Unterstützung bräuchte,
vor Ort und weltweit. Aber bis unserer eigenen Wünsche befriedigt sind, ist für die anderen nicht mehr viel übrig.
Wir wissen, wer Zuwendung braucht, aber weil er schwierig ist, gehen wir ihm doch aus dem Weg.
Wir wissen, welche Versuchungen wir meiden müssen und schaffen es doch nicht.
Wie oft haben wir uns vorgenommen, weniger Negatives über andere Menschen zu sagen, und tun es trotzdem.
Wir wollen andere nicht beneiden und machen es trotzdem. Wir wollen gute Väter oder Mütter sein und reagieren doch oft schnell genervt.
Wir wollen gute Eheleute sein und stellen doch das eigene Wohlergehen über das des anderen.
Wir wollen mehr Zeit für die Familie haben und doch steht wieder der Beruf das Hobby oder die eigene Faulheit im Vordergrund.
Und wir sollen Gott lieben von ganzem Herzen.
Wie oft haben wir uns vorgenommen, mehr zu beten,
mehr zu danken und zu loben oder regelmäßiger zum Gottesdienst zu kommen oder in der Bibel zu lesen? Und wie oft haben wir uns vorgenommen, zu tun, was wir dabei verstanden haben? Und wie oft ist es beim Vorsatz geblieben?
Und was wollen wir alles Gute für uns selber:
Wir wollen uns gesünder ernähren, mehr Sport treiben und die Wahrheit sind doch wieder Erdnussflips vor und Sport im Fernseher.
Oder auch Schwerwiegenderes: Da hat einer die feste Absicht weniger Alkohol zu trinken und doch geht er wieder über ein gesundes Maß hinaus oder hat die feste Absicht eine treue Ehe auf Lebenszeit zu führen und doch sucht er außerhalb seiner Ehe nach dem, was ihm innerhalb seiner Ehe fehlt.
Ich denke, es wird deutlich, warum wir uns mit diesem Text beschäftigen. Wie schon gesagt: Weil er unser Leben abbildet!
Wir wissen genau: In uns selbst, so wie wir der Sünde ausgeliefert sind, lebt nicht die Kraft zum Guten. Wir bringen es zwar fertig, uns das Gute vorzunehmen; aber wir sind zu schwach, es auszuführen.
Paulus schreibt in Vers 19: „Wir tun nicht das Gute, das wir wollen, sondern gerade das Böse, das wir nicht wollen.“
Das ist unser Leben, immer wieder gute Vorsätze und schlechte Taten, immer wieder Zerreißprobe zwischen gutem Vorsatz und schlechtem Ergebnis.
Wir wissen, was gut wäre, und tun etwas anderes.
Vielleicht ist es oft auch, wie der Apostel schreibt.
Wir sind uns nicht im Klaren darüber, was wir anrichten.
Wie könnte die Welt aussehen, wenn Gottes Willen geschehen würde!
Was schreibt der Apostel Paulus nun eigentlich zur Lösung dieses Problems?
Nach Meinung vieler Theologen ist dieser Abschnitt einer der schwierigsten Texte im Römerbrief.
Die erste Frage, die geklärt werden muss, ist: Wen meint Paulus überhaupt?
Es geht nicht um das persönliche Ich des Apostels. Wir kennen das Problem zu gut, um es als sein persönliches Problem zu sehen. Auch wenn er in den markanten Sätzen am Ende „ich“ schreibt, ist doch, wie am Anfang „wir“ gemeint.
Schreibt er, über die Menschen, die Christus nicht kennen? Dann wäre die Sache klar: Wenn Menschen Christen werden, sündigen sie nicht mehr, sie tun durch Christus das Gute. Und wenn sie es nicht tun, sind sie eben keine richtigen Christen, es fehlt ihnen der Heilige Geist, sie sind in der falschen Gemeinde oder Ähnliches.
Würde Paulus die Nichtchristen meinen, würden die Sätze aber nicht passen. Warum soll sich ein Mensch, der das Gesetz Gottes nicht kennt, und es, falls er es kennt, nicht befolgen will, über den beschriebenen Zwiespalt grämen?
Bleibt noch, das „wir“ sind die Christen. Aber wie passt das dann zusammen? Werden wir von Christus bestimmt oder von der Sünde?
Christen kennen den Willen Gottes und deswegen erleiden sie das Scheitern der guten Vorsätze besonders schmerzhaft. Es sind ja nicht nur die selbst ausgedachten guten Vorsätze, sondern es ist Gottes Wille, den ich verfehle.
Ja die guten Regeln, „das Gesetz“, stellt uns die Lage nur deutlich vor Augen: „Wir tun nicht das Gute, das wir wollen, sondern gerade das Böse, das wir nicht wollen.“
Das Gesetz Gottes ist gut, aber wir sind es nicht.
Wenn es so einfach wäre, dass man durch die Gnade Christi einfach Gottes Willen erfüllen könne und dann dem Gesetz gehorchen könnte, das würde aus dem ganzen Konflikt herausholen.
Aber die Verstrickung in das Böse ist schlimmer.
Es ist nicht so, dass man, wenn man Christ ist, wenn man die Bibel kennt, wenn man guten Willen hat, wenn man von Gott noch ein wenig Beistand bekommt durch den Heiligen Geist, die Gnade nicht mehr bräuchte. Wer meint, er könne das Gesetz Gottes in der Kraft Christi befolgen oder er könnte aus Dankbarkeit über die Erlösung den Willen Gottes tun, wird im geistlichen Elend landen, im Widerspruch, im schlechten Gewissen. Er wird merken, dass er doch immer wieder scheitert, und er wird sich vergebens mühen, den Zustand des Heils zu erreichen. Und die Gnade durch Jesus Christus wird für ihn mit der Zeit verwelken.
Glauben, in dem Sinne, dass man sich an Jesus hängt und weiß, dass einem sonst nichts rettet, ist kein unverlierbarer Dauerzustand. Als frommer Mensch kann man dahin geraten, dass man mehr darauf setzt, doch jetzt christlich und richtig zu leben.
Wer darauf setzt, dass er es mit Gottes Hilfe schafft, das Gesetz zu erfüllen, wird scheitern. Der Zwiespalt zwischen dem Streben, das Gesetz Gottes zu erfüllen und doch in Sünde gefangen zu sein, den können wir nicht aufheben.
Bauen kann man nur auf die Gnade. Viele Christen haben versucht, durch starre Regeln nachzuhelfen. Wenn man nur dies nicht mehr tut und jenes verbietet, dann wird man vor Gott heiliger und sauberer. Das Ergebnis war oft ein freudloses Frommsein zwischen Ängsten und Verboten, das von der Freude über das Evangelium nichts mehr ausstrahlt.
Der Apostel Paulus hält diesen Konflikt durch. Manche Theologen haben vorgeschlagen, den zweiten Teil von Vers 25 zu streichen. Muss der Abschnitt nicht damit enden, dass Gott gedankt wird für das, was Jesus Christus getan hat?
Oder andere schlugen vor, die Reihenfolge der Sätze zu tauschen, erst noch mal die Zusammenfassung des Elends im zweiten Teil von Vers 25 und dann die rettende Antwort: Jesus Christus hat aus diesem Zwiespalt erlöst.
Es muss aber wohl so stehen bleiben. Jesus Christus hat aus diesem Elend erlöst und trotzdem leben wir weiter in diesem Zwiespalt und müssen darin an Jesus Christus festhalten.
Nun stehen Christen in diesem Konflikt in der Spannung zwischen Schwärmerei und Lässigkeit.
Die Schwärmer möchten den Glauben an Jesus Christus ohne Sünde, ohne Probleme und ohne Krisen haben. Sie meinen es mit dem Glauben ernst, aber sie möchten nicht leiden an der Geschichte, sie möchten den Himmel schon jetzt haben. Dies wird nicht gelingen. Die Schwärmer werden scheitern und sich irgendwann enttäuscht abwenden.
Der andere Versuch die Spannung aufzuheben, besteht darin, dass man sich mit der Sünde abfindet und den Glauben zu einem reinen Lippenbekenntnis macht. Dann wird der Mensch in seiner ganzen Haltung lässig, gewöhnt sich an die Sünde und findet es normal, zu tun, was vor Gott nicht recht ist. Vielleicht zitiert dabei jemand Martin Luther, dass eben auch der Gerechte noch Sünder sei und nimmt diesen Satz als einen Freifahrtschein in ein zuchtloses Leben.
Vor beidem bewahre uns Gott.
Amen.