An der Tür zur Arztpraxis hängt ein kleiner Zettel, der darüber informiert, dass die Praxis erst 20 Minuten später öffnet, weil man eine dringende interne Besprechung machen muss. Die Wartenden sammeln sich vor der Tür. Einer liest den Zettel und sagt sinngemäß typisch für Deutschland, nichts funktioniert. Das will ich so nicht stehen lassen und weise darauf hin, dass in Deutschland sehr wohl einiges funktioniert. Wir haben vielleicht unterwegs ein paar Verkehrsverdichtungen erlebt, aber wir konnten auf ordentlichen Straßen mit komfortablen Autos hierher gelangen. Ja, wir warten vor der Praxistür, aber gleich werden wir auf hohem Niveau medizinisch behandelt werden und ein Krankenkassensystem ermöglicht uns diese Versorgung, ohne uns finanziell zu ruinieren. Der Staat funktioniert sehr wohl. Einer Frau ist das schon zu viel. Mit einem wie mir (der nicht in das allgemeine Gejammer und Gemotze einstimmen will) will sie nicht reden. So bekundet sie es. Hat sie Angst, dass sich ihre Geborgenheit in der Meinungsblase störe? Bloß nicht andere Gedanken an sich heranlassen! Vielleicht könnte sogar die heiße Luft aus ihrer Meinungsblase entweichen? Vielleicht sogar ihre letzte Wahlentscheidung infrage gestellt werden?
Ihr Mann ist etwas gelassener. Wir reden darüber, was sich in unserem Land verändert hat. Wir kommen auf Fragen zu politischen Kompromissen, auf Einstellungen zu Arbeitsmoral, zum Mut Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen. Wir reden über überzogene Erwartungen an den Staat.
Jetzt wären eigentlich die richtig spannenden Fragen dran gewesen. Warum sind viele Menschen mit ihrem Leben unzufrieden? Warum suchen Menschen in dieser Welt ein unbegrenztes, vollkommenes Leben, kurz das Paradies? Jetzt wäre darüber zu reden gewesen, dass Menschen, ihre tiefsten Lebensfragen, nach Sinn und Ewigkeit, nach getrostem Umgang mit begrenzter Lebenszeit und begrenzten Ressourcen, nicht gelöst haben. Und es wäre darüber zu reden gewesen, dass kein Staat diese Lebensfragen lösen kann. Aber die Tür öffnet sich, und alles geht den erwarteten Gang.
In einem Zeitungskommentar war zu lesen: „Die Menschen wünschen sich … einen weitgehend sorgenfreien Alltag.“
Genau das kann Politik nicht leisten. Sie kann es nicht, weil mächtige böse Menschen zu viel Unheil anrichten. Sie kann es nicht, weil viele weniger mächtige Menschen auch böse sind und zuerst an sich und ihre Interessen denken und diese Interessen eben nicht übereinstimmen.
Sie kann es aber vor allem nicht, weil es übermenschlich wäre, ein Paradies zu schaffen, in dem man sorgenfrei leben kann. Das Paradies gab es woanders und wird es woanders geben, aber das ist ein anderes Thema.
Auch wenn kein Land dieser Welt ein Paradies ist, ist es trotzdem verkehrt, alles schlecht zu reden oder wie es Politiker von radikalen Parteien in einer Diskussion taten, von (in diesem Fall Sachsen-Anhalt) einem „Land im Chaos“ zu reden.
Nein, es ist nicht alles schlecht, und die Verantwortlichen sind nicht alle unfähig und böse und das muss dann auch mal gesagt werden, vielleicht auch im Flur in einer Warteschlange vor einer Arztpraxis.
Schlagwort: die Diskussion nicht scheuen
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Das wird man doch noch sagen dürfen
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Beim AfD Bürgerdialog
Ja, wir waren dabei, bei einem sogenannten Bürgerdialog der AfD. Die Veranstaltung sollte eigentlich in Speyer auf einem Ausflugsschiff stattfinden, wurde aber nach öffentlichem Druck woanders hin verlegt.
In der Lokalzeitung wurde heftig diskutiert, dass man die Veranstaltung doch verhindern müsse. Ein Redakteur schrieb, als die Veranstaltung abgesagt war, wie schön er es gefunden hätte, wenn während der Veranstaltung eine Menschenkette auf der Brücke in der Nähe der Anlegestelle gestanden wäre.
Nun halte ich Händchenhalten aber nicht für eine politische Argumentation. Dass andere, und nicht wenige gegen die AfD sind, wird keinen Sympathisanten überzeugen. Warum geht man nicht hin und hält argumentativ dagegen? Ich halte den Umgang der anderen Parteien mit AfD für falsch. Es reicht nicht, zu sagen, die sind rechts und böse. Man muss aufzeigen, wo ihre Konzepte dumm, falsch und nicht zielführend sind. Das ist mühsam. Aber diese Mühe darf man halt nicht scheuen.
Was erwartet einen bei einer solchen Veranstaltung? Will man sich das antun?
Wird man vielleicht auf dem Weg dahin ausgebuht werden von Gegendemonstranten? Wird man einem Securitycheck unterzogen? Wird man viel Propaganda anhören müssen, darunter auch manches Grundfalsche oder auch glatte Lügen?
Nun vom Äußeren her war es sehr unspektakulär. Durch die Verlegung gab es keine Gegendemonstranten, keine Einlasskontrollen. Es war eher wie der Besuch einer etwas überalterten Vereinsversammlung. Natürlich wurde von den anwesenden Bundestagsabgeordneten Parteifolklore und siegestrunkene Zukunftshoffnung verbreitet. Erwartungsgemäß wurden sehr einfache Konzepte angeboten, und dargebotene Zahlen enthielten nur die Seite, die AfD Positionen stützen. Natürlich waren wir mit unseren Meinungen in einer Minderheit. Das kann man aber schon mal aushalten.
Durch die kritischen Fragen, die wir stellten, wurde den Anwesenden durchaus klar, dass hier nicht alle einer Meinung sind und dass es nicht nur Gegendemonstranten, sondern auch Gegenargumente gibt. Und auch das gab es: Ein Teilnehmer bedankte sich ausdrücklich bei denen, die andere Meinungen haben und trotzdem gekommen sind.
Was bleibt? Das Wissen, wie wir bei einem eventuellen weiteren Termin besser vorbereitet, die Schwachstellen des AfD Programms besser aufzeigen können.
Und auch der Gedanke: Gibt es von den anderen Parteien ähnliche Veranstaltungen? Wir würden glatt teilnehmen. Bei einer ersten Suche im Internet war da nichts zu finden. Schade.
Eine Einzelerfahrung beim Bürgerdialog beschreibe ich im nächsten Blogbeitrag.